„Das Moorsoldatenlied wurde nicht gesungen“

17. November 2014

Gespräch mit dem Zeitzeugen Kurt Nelhiebel zum 25. Jahrestag des Mauerfalls
Wie gehen die Deutschen mit historischen Gedenktagen um und welches Gewicht messen sie ihnen politisch jeweils bei? Als sich 1970 das Ende des Naziregimes zum 25. Mal jährte, hat sich die Bundesrepublik Deutschland nicht monatelang auf diesen Tag vorbereitet, so wie das beim 25. Jahrestag des Endes der DDR der Fall war. Wie erklärt sich dieser Unterschied? Bedeutet den Deutschen der Sieg über ein kommunistisches Regime mehr, als der Sieg über das Naziregime, das Europa in Schutt und Asche gelegt und Schlachthäuser für Menschen errichtet hat. Claudia S c h u l m e r i c h sprach darüber für WELTEXPRESSO mit dem deutschen Zeitzeugen Kurt Nelhiebel. (Abrufbar unter http://www.kulturexpress.de/wpo/ )

Herr Nelhiebel, Sie haben den Untergang zweier Diktaturen miterlebt, erst das Ende des Naziregimes, dann das Ende des SED-Regimes. Was geht Ihnen am 25. Jahrestag des Mauerfalls durch den Kopf?

Ich denke an einen anderen Jahrestag. Gesungen, wie jetzt Wolf Biermann im Deutschen Bundestag zu Ehren der SED-Gegner gesungen hat, gesungen wurde zu Ehren der Nazi-Gegner am 25. Jahrestag der Kapitulation Hitler-Deutschlands im Bundestag nicht. Das „Moorsoldatenlied“, das vom Leid der KZ-Häftlinge handelt, hätte zwar gut gepasst, so wie jetzt das Lied „Ermutigung“ von Wolf Biermann gut gepasst hat. Aber auf die Idee ist niemand gekommen.

In welchem Rahmen hat die Feier damals stattgefunden?

Tagelang gefeiert wurde damals nicht. An einem Tag war alles erledigt, eine 15 Kilometer lange Lichter-Installation gab es natürlich auch nicht. Aber immerhin hat zum ersten Mal ein Bundeskanzler, es war Willy Brandt, im Bundestag eine Erklärung zum 8. Mai abgegeben. Hauptsächlich ging es darin um die Aussöhnung mit dem Osten. Auch Richard von Weizsäcker, der für die CDU gesprochen hat, stellte das in den Mittelpunkt. Fünf Jahre später hat er dann als Bundespräsident erstmals den 8.Mai als Tag der Befreiung bezeichnet. Daran hatten viele zu schlucken.

Zum Jahrestag des Mauerfalls hieß es, die Aufarbeitung des DDR-Unrechts sei noch nicht abgeschlossen und die Opfer dürften auf keinen Fall vergessen werden. Wie hat man sich am 25. Jahrestag der deutschen Kapitulation zur NS-Vergangenheit verhalten?

Das war damals kein Thema. In meinem Archiv habe ich dazu nur zwei Artikel gefunden. In dem Bericht über die Bundestagssitzung steht nichts über NS-Verbrechen und auch nichts über die Leute, die Widerstand gegen Hitler geleistet haben. Über den Widerstand der Bürgerrechtler in der DDR wird jetzt viel mehr geredet und geschrieben. In dem anderen Artikel heißt es, dass Bundespräsident Gustav Heinemann zum 25. Jahrestag der Beendigung des zweiten Weltkrieges erklärt hat, von deutschem Boden dürfe nie wieder Krieg ausgehen.

Das sieht der jetzige Bundespräsident etwas anders. Wie beurteilen Sie das?

Dass Herr Gauck als ehemaliger Pastor meint, wir müssten weltweit auch militärisch mehr Verantwortung übernehmen, ist schon komisch, aber der Bundespräsident hält sich ja auch sonst politisch nicht zurück und wird deshalb sogar gelobt. Da musste sich Heinemann als Bundespräsident ganz andere Dinge anhören. Richard Stücklen von der CSU hielt ihm vor, wenn er Zweifel an seiner Unparteilichkeit aufkommen lasse, werde sich der Bundestag erstmals mit dem Verhalten eines Bundespräsidenten befassen müssen.

Zurück zum Fall der Mauer und zum Thema Unrechtsstaat. Die DDR wird häufig mit Nazi-Deutschland verglichen. Sie haben die Hitlerzeit selbst erlebt und gehören zu Verfolgten des Naziregimes. Wie finden Sie den Vergleich?

Dazu kann ich nur sagen: die DDR hat weder den zweiten Weltkrieg angefangen noch hat sie sechs Millionen Juden umgebracht. Ihre Grenzsoldaten haben – schlimm genug – 136 Tote an Mauer und Stacheldraht auf dem Gewissen – ein einziger Nazirichter hat 231 Todesurteile gefällt und wurde mit der Begründung freigesprochen, ihm sei ein strafbares Verhalten nicht nachzuweisen. Der Mann hieß Hans-Joachim Rehse.

Aber die Menschen in der DDR hatten doch allen Grund, sich zu freuen, dass sie mit ihren Montagsdemonstrationen das Ende des SED-Regimes herbeigeführt haben. Wenn Sie in der DDR gelebt hätten, wie hätten Sie sich verhalten?

Mich haben die Wachtürme an der Grenze der DDR immer an die Wachtürme rund um die Konzentrationslager der Nazis erinnert. Ich fand das abscheulich und hätte dort nicht leben wollen. Ich frage mich allerdings, warum die Deutschen zwar Montagsdemonstrationen gegen die Kommunisten und das SED-Regime veranstaltet haben, nicht aber gegen die Nazis und das Hitler-Regime.

Pax Americana contra Islamischer Staat

17. November 2014

Im Dezember 2011 hatte US-Präsident Barack Obama den von seinem Vorgänger 2003 entfachten Irakkrieg zum „Er-folg“ erklärt und behauptet, die USA würden nach dem Abzug ihrer Truppen einen „souveränen, stabilen und selbstän-digen Irak“ hinterlassen. 2013 erinnerte Obama an die 4800 im Irak gefallenen amerikanischen Soldaten und ehrte „den Mut und die Entschlossenheit von mehr als 1,5 Millionen Angehörigen des US-Militärs, die eines der bemerkenswertes-ten Kapitel des Militärdienstes geschrieben“ hätten. Krasse Fehlurteile, Zeichen unglaublicher Ignoranz und Selbstge-rechtigkeit – betrachtet man die verheerenden Folgen amerikanischer Irakpolitik in den letzten 25 Jahren.
Bereits im ersten Irakkrieg 1991 wurde ein großer Teil der Infrastruktur des Landes zerstört. Während der Wirt-schaftssanktionen von 1991 bis 2003 starben nach Schätzungen von UN-Organisationen mehr als eine Million Men-schen im Irak – vor allem Kleinkinder, die nicht ausreichend mit Medikamenten und Lebensmitteln versorgt werden konnten. Die Opferzahlen für den Irakkrieg von 2003 und die Jahre der Besatzung belaufen sich auf bis zu eine Million Zivilisten, etwa 40.000 irakische Soldaten und eine unbekannte Zahl Verwundeter (s. auch Ossietzky 8/14). Folgen ei-nes Krieges, den die USA für die „irakische Freiheit“ führte. Rund fünf der 33 Millionen Iraker wurden zu Flüchtlingen, die Infrastruktur erneut weitgehend zerstört. Die Versorgung der Bevölkerung mit Wasser und Strom verschlechterte sich dramatisch, und rund sieben Millionen Iraker leben in einem der potentiell reichsten Länder der Welt unter der Ar-mutsgrenze. Nach den Recherchen des in Kanada lebenden Autors Asad Ismi wurden „unter dem Diktat der USA große Bereiche der irakischen Wirtschaft privatisiert. Dadurch kann das irakische Volk nicht mehr direkt von seinen Ressour-cen profitieren … Der Gewinn aus dem Ölverkauf fließt jetzt hauptsächlich in die Taschen von Ölkonzernen aus den USA und anderen westlichen Staaten und in die Taschen des [im August zurückgetretenen; F. K.] Maliki-Regimes.“ Zu-dem spalteten die neuen Kolonialherren das Land nach dem römischen Prinzip des „Teile und herrsche!“ unheilbar in Kurden, Schiiten und Sunniten. Die Auflösung der irakischen Armee, das Verbot der seit 1968 regierenden Baath-Partei sowie die einseitige Förderung der schiitischen Bevölkerung führten zu dem bis heute andauernden Bürgerkrieg.
Vor dem Hintergrund der Zerstörung des Irak, Afghanistans, Libyens und seit über drei Jahren Syriens bekamen sun-nitische Al-Kaida-Gruppen viel Zulauf oder bildeten sich neu. Im Widerspruch zur US-Propaganda wurde im Irak erst-mals 2004 eine „Gemeinschaft für den Dschihad“, den „Heiligen Krieg“, gegründet, die sich ein Jahr später umbenannte in „Al-Kaida im Irak“; ab Oktober 2006 hieß sie „Islamischer Staat im Irak“ (ISI). 2013 bildeten ISI und die syrische Nusra-Front den „Islamischen Staat im Irak und Syrien“ (ISIS), und seit Juni dieses Jahres nennt sich die Organisation nur noch „Islamischer Staat“ (IS). Am 29. Juni 2014 rief der IS das Kalifat und den eigenen Anführer Abu Bakr al-Baghdadi zum Kalifen aus. Das Kalifat soll zunächst Syrien und den Irak umfassen, letztlich aber auch Jordanien, Paläs-tina, Israel und den Libanon. Für Charles Lister, Experte des politischen Islam, ist dieser Vorgang seit den Anschlägen vom 11. September 2001 das wohl bedeutsamste Ereignis innerhalb des internationalen Dschihadismus. Die Idee des Kalifats geht auf die Frühzeit des Islams zurück, als die Anhänger des Propheten Mohammed nach seinem Tod ein Großreich errichteten mit dem Kalifen als politischem und religiösem Oberhaupt. Von vielen Muslimen wird dieses frühe Kalifat, das von 749 bis 1258 bestand, als das goldene Zeitalter des Islams angesehen, da die Mohammedaner Gebiete von Spanien bis Pakistan beherrschten. Ein islamischer Staat soll nach den Grundsätzen des Islams aufgebaut und re-giert werden. Nationale Grenzen zwischen Muslimen kennt er nicht.
Laut Wikipedia – Stand vom 4. September 2014 – haben die Islamisten in den letzten zehn Jahren im Irak über 6000 Menschen getötet; im syrischen Bürgerkrieg kämpfen sie gegen die Regierung Assad, die „freie syrische Armee“ sowie gegen die Kurden. In Syrien kontrollieren sie einige Regionen, ohne daß westliche Medien und Politiker dies kritisiert, geschweige denn Mitgefühl mit von ihnen getöteten Menschen gezeigt hätten. Erst seit ISIS (inzwischen IS) auch im Irak auf dem Vormarsch ist, er Mossul, die zweitgrößte, ölreiche Stadt des Landes, eroberte, er Christen und die religi-öse Minderheit der Jesiden verfolgt und besonders seit der Hinrichtung von zwei amerikanischen Journalisten und einem britischen Entwicklungshelfer ist die öffentliche Betroffenheit groß. Da ist von einer „absolut ekelhaften, verachtenswer-ten Tat“ die Rede, von „barbarischen Mördern“, „Monstern“ oder der „Verkörperung des Bösen schlechthin“. US-Vizepräsident Joe Biden meinte: „Wir werden die Täter bis zu den Toren der Hölle verfolgen, bis sie zur Rechenschaft gezogen werden. Denn die Hölle ist der Ort, wo sie sein werden.“ Präsident Obama sagte in seiner Rede „Strategie zur Bekämpfung der Terrormiliz Islamischer Staat“ am 10. September, die Dschihadisten würden ausgeschaltet, „wo im-mer sie sind“. Um das zu erreichen, werde seine Regierung die Luftangriffe auf IS-Kämpfer im Irak verstärken und sie gegen IS auf Syrien ausweiten. Es werde aber Zeit brauchen, „ein Krebsgeschwür wie den IS zu beseitigen.“ (Amerika Dienst, 10.9.2014)
Beispielhaft zeigen diese Reaktionen: Mitleid empfinden die Regierenden in den USA und der westlichen Welt vor allem dann, wenn eigene Opfer zu beklagen sind. Eine erschreckende Gleichgültigkeit herrscht jedoch vor, wenn ein fremder, souveräner Staat wie der Irak auf gesetzlose Weise völlig zerstört wird und Menschen tausendfach getötet werden. Unter anderem sollte das Bild von Saddam Hussein als dem „neuen Hitler“ und „Schlächter von Bagdad“ diese Politik rechtfertigen. In der Geschichte gibt es unzählige Beispiele für die fatalen Folgen von ausgeprägten Feindbil-dern. Ich denke nur an das von den wilden, nicht zivilisierbaren, mordenden Indianer-Horden, nach dem Motto: „Nur ein toter Indianer ist ein guter Indianer.“ Es half bei der Vernichtung von unzähligen nordamerikanischen Ureinwohnern im Laufe von zwei Jahrhunderten als Voraussetzung der amerikanischen Staatsgründung – mit Hilfe von Kriegen, Völker-mord, Zwangsumsiedlungen, eingeschleppten Krankheiten und dem Bruch aller ausgehandelten Verträgen. Diese Ver-brechen sind bis heute nicht gesühnt. Und bis heute glauben die USA und ihre Verbündeten immer die Guten und immer im Recht zu sein, wenn sie „Freiheit“, „Demokratie“, „Menschenrechte“ und „Zivilisation“ auf ihre Fahnen schreiben, obwohl sie imperiale Kriege führen, um fremde Rohstoffe und Arbeitskräfte billig auszubeuten sowie neue Märkte und Investitionsgebiete zu erobern. Und sie glauben, selbst dann noch unschuldig zu sein, wenn dabei Zivilisten ermordet und Menschen gefoltert werden. Die werden dann als „Kollateralschäden“ bei der Durchsetzung vermeintlich hehrer Ziele abgebucht.
Auch zeigen die „Bleichgesichter“ wenig Rührung, wenn aufgrund der durch Kolonialismus und Imperialismus entstan-denen Weltwirtschaftsordnung jährlich 30 Millionen Menschen verhungern oder verdursten. Forderungen nach mehr Ge-rechtigkeit innerhalb des Kapitalismus werden die riesigen Probleme auf der Welt von heute jedoch nicht lösen. Not-wendig ist eine neue Form der Wirtschaft, die allen Menschen auf der Welt ein Leben frei von Armut und Hunger ge-währleistet. Darauf hinzuarbeiten, wäre ein entscheidendes Mittel, zukünftigem Terror entgegenzuwirken. Doch die westlichen Staaten tun alles, ihre Luxusinseln, auf denen nur 13 Prozent der Weltbevölkerung leben, nicht nur zu ver-teidigen, sondern weiter auszubauen. Kriege spielen dabei eine immer größere Rolle. Aktuell die gegen Syrien und den „Islamischen Staat“ im Irak; sie dürften die katastrophale Lage in beiden Ländern noch einmal dramatisch verschlech-tern, verbunden mit der Gefahr, daß der gesamte Nahe und Mittlere Osten im Blut ertrinkt. Obama ignoriert die Ge-fahr. In seiner Rede vom 10. September lobte er „die amerikanische Führungsstärke als die Konstante in einer unsiche-ren Welt. Es sind die Vereinigten Staaten, die die Fähigkeit und den Willen haben, die Welt gegen Terroristen zu mo-bilisieren“. Und nachdem er die „unendlichen Segnungen“ Amerikas für die Welt gepriesen hatte, sagte er: „Von Europa bis Asien, von den entlegensten Orten in Afrika bis zu den kriegsgeschüttelten Hauptstädten des Nahen Ostens stehen wir für Freiheit, Gerechtigkeit und Würde. Dies sind die Werte, die unser Land seit seiner Gründung leiten.“ (Amerika Dienst) Bei soviel Blindheit gegenüber dem eigenen Tun ist das Festhalten am Konzept einer „Pax Americana“ die größte Bedrohung für den Weltfrieden.
Ferdinand Krogmann Ossietzky, Zweiwochenschrift für Politik/Kultur/Wirtschaft, Heft 20/2014

„Arbeit macht frei“ mit Goethe in Bremen und in Dachau.

17. November 2014

„Goethe in Dachau“- das richtige Thema am Goetheplatz in der Villa des ehemaligen Intendanten des Bremer Schauspielhauses am Goetheplatz? Welche Herausforderung in der Stadt von Rudolf Alexander Schröder, dem Schriftsteller und Übersetzer, dem national-konservativen Goethe- Verehrer und Leiter der Kunsthalle. Ein Ehrenbürger Bremens, den freilich die „Ungnade der frühen Geburt“ langsam einzuholen droht, weil er und seine Freunde um den ersten Bundespräsidenten Theodor Heuß der „Gnade der späten Geburt“ (Ex-Kanzler Kohl) nicht teilhaftig wurden. Gewiss, auch Repräsentanten der Wissenschaft und des Bürgertums gehörten zum Widerstand. So wurden u.a. drei prominente Mitglieder der Berliner Mittwochgesellschaft Opfer des NS-Terrors: Johannes Popitz; Ulrich von Hassel und Ludwig Beck. Schröder gehörte nicht dazu, auch wenn er sich mit Manfred Hausmann nach 1945 zum Anhänger der „inneren Emigration“ stilisierte.
Von dem Goethe-Verehrer war kein Einwand zu hören, dass „Arbeit macht frei“, dieses missbrauchte Goethe-Wort aus dem Faust, die Eingangstore von Auschwitz und Dachau „schmückte“. Aber, was er wahrscheinlich nicht wusste: In den Baracken der Lager konnte Goethe durchaus zur Ermutigung und zum Überleben beitragen. Die Konzentrationslager waren als Einrichtung der Ausbeutung und Vernichtung zugleich Orte, in denen Beethoven und Mozart auf dem Programmzettel standen und Goethes Faust gespielt wurde. Es erklang gelegentlich entartete Musik und es wurde zum Swing oder Jazz getanzt. Ein „Nigger-Gesang“, der im „Dritten Reich“ verboten war und dazu führte, dass Schüler nicht nur aus Hamburg, Lübeck und Bremen deshalb ins Jugendkonzentrationslager Moringen bei Göttingen deportiert wurden. Der dafür verantwortliche Oberschulrat wurde nach 1945 einer meiner Lehrer in Lübeck. Es war der einstige Hamburger Gauschulungsleiter Albert Henze, nach 1945 als „Mitläufer“ eingestuft und ab Ostern 1952 wieder Im Schuldienst, eingestellt vom Lübecker Schulsenator Lembke, dem selbst schwer belasteten späteren Ministerpräsidenten von Schleswig-Holstein.
Gewiss, das Konzentrationslager war kein Konzertlager. Aber in den deutschen KZ waren Musik und Literatur nicht ausgelöscht. Fast jedes KZ hatte ein Orchester und eine Bibliothek. Was für die Bürger in Deutschland verboten war, das war den Häftlingen erlaubt. Sie konnten die verbrannten Bücher der deutschen Dichter und Denker lesen und „entartete“ Musik“ von Schönberg hören, gespielt in Auschwitz von seinem Schüler Gideon Klein, der am 18. Januar 1945, dem Tag der Befreiung der Lager, aus Krankheitsgründen zurückbleiben musste und dort starb, bevor die sowjetische Armee Auschwitz am 27. Januar 1945 befreite. Unter den schwierigsten Bedingungen und oft illegal bot sich so den Häftlingen die Möglichkeit, an ihren eigenen Ideen und Fähigkeiten festzuhalten, psychisch zu überleben, widerständig zu bleiben. Erich Klann, der aus Lübeck stammende und ins KZ Sachsenhausen deportierte spätere Direktor des Arbeitsamtes der Hansestadt, organisierte z.B. mit dem illegalen Lagerleiter von Sachsenhausen Harry Naujoks aus Hamburg und dem Bremer Leiter der Häftlingsbücherei Edgar Bennert nach dem Massenmord an 18. 000 sowjetischen Soldaten und der Exekution von jüdischen Häftlingen Musikabende und Lesungen von Goethe- und Tolstoi-Stücken. Sie wollten damit die Moral derjenigen aufrecht erhalten, die angesichts dieser Morde und Untaten verzweifelten. Ein Versuch, die gequälten Häftlinge zu stärken, ihnen Mut zu geben, den Kampf gegen den Faschismus auch und gerade im KZ so lange wie möglich zu führen.
Warum ging die Erinnerung an diese eng mit den Hansestädten verbundenen Männer und Frauen des Widerstands verloren? Zum Beispiel an Edgar Bennert (1890-1960). Er war vor 1933 ein prominenter Schauspieler und Redakteur aus Bremen, der als KPD-Mitglied schon vor 1933 verfolgt wurde. Bennert gehörte zusammen mit seinem Bremer Freund Max Burghardt zum Schauspielensemble des Bremer Stadttheaters und war von 1928 bis 1933 Chefredakteur der Bremer Arbeiterzeitung, der Tageszeitung des KPD-Bezirks Nordwest. Als solcher wurde er schon vor 1933 mehrfach mit Prozessen überzogen und verurteilt. Ähnlich erging es dem Vater von Bürgermeister Hans Koschnick. Beide engagierten sich in der Agitprop-Arbeit der Partei. Edgar Bennert leitete die legendären „Blauen Blusen“. Er gründete an der Wende von 1932 auf 1933 die Marxistische Arbeiterschule Bremen, dem Vorläufer der Masch. Und er leitete mit Eberhard Peters die „Soziologische Studiengemeinschaft“, eine Bildungseinrichtung in Kooperation mit fortschrittlichen bürgerlichen Kräften zur Intensivierung der antifaschistischen Aufklärung. Hier kamen noch vor 1933 Erich Weinert, Erich Mühsam und Alfons Goldschmidt zu Wort.
Als KZ-Häftling in Bremen-Mißler, in Esterwegen und Sachsenhausen setzte Bennert die kulturelle Überlebensarbeit fort, u.a. mit Helmut Bock von der SPD als Regisseur von Theaterstücken von Goethe und Hauptmann im KZ Sachsenhausen. Er spielte im KZ den Faust, Gustav Voss den Wagner und Bock den Mephisto. Und er leitete die Häftlingsbibliothek als Keimzelle des Widerstands im KZ. Nach der Befreiung kam kein Ruf aus Bremen. Aber Bennert wurde Intendant des Mecklenburgischen Staatstheaters in Schwerin. 1955 war er mit seiner legendären Schweriner Inszenierung des „Teufelkreises“ von Hedda Zinner in 11 Städten der BRD zu Gast. Warum nicht in seiner alten Wirkungsstätte Bremen? Lag es am politischen Inhalt dieser mehrfach ausgezeichneten Inszenierung, die unter Verwendung dokumentarischen Materials aus dem Reichstagsbrandprozess die Fehler der Arbeiterbewegung aus Anlass der Machtübertragung an Hitler thematisiert- aus der Sicht der Erzählerin mit jüdisch-österreichischer Herkunft?
Nicht anders und besser erging es zunächst dem Bremer Schauspieler, Regisseur, Theaterleiter und Kulturpolitiker Max Burghardt(1893-1977). 1945 nach Verfolgung und Zuchthaus zurückgekehrt nach Bremen, gehörte er zu denen, die das Theaterleben hier wieder aufbauten. Er verfasste für die Bremer Kampfgemeinschaft gegen den Faschismus (KGF) einen Grundsatzbeitrag zum „Theater als Spiegel der Zeit“, nachzulesen im „Aufbau“, dem Organ der KGF, Nr.8 vom September 1945: „Aus tiefer Not geboren, dient das Theater der Milderung der Not und der Herstellung der Wahrheit“. Vergeblich wartete der Kommunist Burghardt auf ein Angebot aus Bremen. Er hatte dennoch Glück: Der prominente Theatermann überlebte für kurze Zeit ab Mai 1946 mit Hilfe der britischen Besatzungsmacht als „Roter Intendant“ am Kölner Sender, dem Vorläufer des WDR. Er wurde 1947 Intendant der Leipziger Bühnen, bevor er den ehrenvollen Ruf als Leiter der Deutschen Staatsoper in Berlin erhielt und Präsident des Kulturbundes wurde. Ebenso erging es seinem Freund aus Bremer und Düsseldorfer Jahren, dem KZ- Börgermoor-Häftling Wolfgang Langhoff (Die Moorsoldaten). 1945 zurückgerufen aus dem Exil als Mitglied des Züricher Schauspielhauses in seine Heimatstadt als Generalintendant der Städtischen Bühnen Düsseldorf, musste er Platz machen für den Göring-Freund Gustaf Gründgens, konnte aber seine Weltkarriere als Intendant des Deutschen Theaters in Berlin fortsetzen. Also in jenem Theater, das von 1934 bis 1944 von Gründgens als Staatstheater geleitet worden war . In den offiziellen Darstellungen des Theaterlebens von Bremen tauchen sie bis heute nicht auf. Keine Straße, keine Ehrentafel hält die Erinnerung an sie fest.
Jörg Wollenberg Vortrag am 28.10. 2014 um 20 Uhr in der Villa Ichon

Sommer in Heideruh

15. September 2014

Gut besucht war am 26. Juli das Sommerfest in Heideruh. Mehr als 300 Besucher*innen erfuhren von den Veränderungen an diesem idyllischen Ort. Seit letztem Winter finden hier Menschen auf der Flucht einen solidarischen Ruhepunkt. Trotz des Wirbels, den Behörden derzeit mit Rückführungen und Abschiebungen veranstalten, konnte Heideruh jungen Sudanesen beim Gang durch die Behördenhindernisse zur Seite stehen…die DDR-Radsportlegende Taeve Schur begeisterte seine Zuhörer mit seinen Geschichten der Friedensfahrten und historischen Begebenheiten, Esther Bejarano und die Microphone Mafia vermochten Jung und Alt zusammenzubringen zu einem musikalischen wie aufrüttelnden Credo….Ein Dutzend internationale Freiwillige aus acht Ländern informierten sich drei Wochen lang über die Geschichte dieses Ortes, über das Schicksal der KZ-Häftlinge, die mit der Heidebahn dem Tod entgegenfuhren, über die Geschichte des Jugendwiderstandes gegen den Faschismus. Für eine Woche gab es auch wieder ein selbstverwaltetes antifaschistisches Jugendcamp für 40 junge Antifas aus der Region…. Gebannt hingen sämtliche Campteilnehmer*innen an den Lippen Esther Bejaranos, als sie von ihrer Deportation nach Auschwitz und der Rettung durch das Mädchenorchester und die Verlegung nach Ravensbrück erzählte.
Auszug BAF10/11.2014

Gedenken in Belgien und Bremen

15. September 2014

Unsere Gastgeber hatten ein tolles Rahmenprogramm für uns zusammengestellt. So wurden wir am ersten Tag durch den Ort gefahren und es wurden uns die Stätten der schrecklichen Ereignisse vom 01. und 11.08.1944 gezeigt. Ich hatte das Glück, dass ich bei Guido Hendrickx im Auto mitfahren konnte, so hatte ich eine besondere Führung durch den Ort… Die Sichtweise der beiden Museen ist doch sehr unterschiedlich, Haus Hageland beschäftigt sich mehr mit persönlichen Schicksalen der Menschen im Ort und das andere doch eher mit den allgemeinen Begebenheiten im August 44. Es wäre schön wenn man sie zusammenlegen würde, dann ergebe es ein noch besseres Gesamtbild der Ereignisse und Schicksale der Familien in Meensel-Kiezegem.
Auszug BAF-10/11.2014

Das Schweigen durchbrechen

15. September 2014

Zu sechst hatten Mitglieder der Bremer VVN/Bund der Antifaschist*innen Anfang August Gelegenheit an den Gedenkfeiern in Meensel-Kiezegem teilzunehmen. Das kleine belgische 900-Seelen-Dorf unweit von Brüssel erlitt vor 70 Jahren die Deportation von 98 Einwohnern bei zwei Razzien der SS…. Seit zwölf Jahren bestehen intensive Kontakte zu ihren Angehörigen. …In Meensel-Kiezegem wurden wir Anfang August bei unserer Gedenkfahrt auf herzlichste empfangen, untergebracht und betreut in einer idyllischen Familienpension, hatten intensive Gespräche, eine ausgedehnte Führung durch die örtlichen Gegebenheiten, den Spuren der Razzien folgend, was dann in den beiden Museen anhand von Dokumenten, Bildern und einem Panorama vertieft wurde… Josephine (17) und ihr Bruder Anton (13) waren tief beeindruckt von dem Respekt, den man beiden Bremer Jugendlichen bei der Kranzniederlegung zollte.
Auszug BAF 10/11.2014

Spurensuche in Emden

15. September 2014

Zu fünft haben wir am 7. September den Besuch der Kamerad*innen aus Emden erwidert. Gemeinsam hatten wir Ende Januar in dichtem Schneegestöber die Gräber von fünf ukrainischen Zwangsarbeitern auf dem Osterholzer Friedhof in Bremen besucht. Jetzt konnten wir bei frühherbstlichem Sonnenschein den Ort besuchen, an dem sie am 26. Januar 1944 erschossen worden waren….Auf dem Friedhof kamen wir zunächst zu anonymen Gräbern für Kinder von Zwangsarbeiterinnen,… Eine lange Baumallee führte entlang Gräbern für Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge, großenteils sowjetischer Herkunft,…Vom Friedhof fuhren wir zu einigen in Emden verlegten Stolpersteinen in Erinnerung an eine Reihe jüdischer Familien, die bis zur Reichspogromnacht 1938 dort in guter Nachbarschaft lebten.
Auszug BAF 10/11.2014

1950 bereits unerwünscht

15. September 2014

Ernst Thälmann, der vor 70 Jahren im KZ Buchenwald nach elfjähriger KZ-Haft ermordet wurde, ist ein Beispiel dafür, wie das antifaschistische Erbe der deutschen Arbeiterbewegung nach 1945 in Westdeutschland ausgeblendet worden ist….Sowohl in Hamburg wie auch in Bremen wurde nach dem Zweiten Weltkrieg jeweils eine Straße nach Ernst Thälmann benannt. …In Bremen wurde bereits im Dezember 1945 die Moltkestraße in Hemelingen in „Thälmannstraße“ umbenannt. Den Beschluss dazu fasste der Präsident des Bremer Senats Bürgermeister Wilhelm Kaisen (SPD). Schon keine fünf Jahre später entschied auf Antrag von Bewohnern der Thälmannstraße der Ortsamtsbeirat die Umbenennung….Die Geschäftsführung der Bremischen Bürgerschaft hielt es nicht für notwendig, die Umbenennung der Straße im Plenum zu behandeln….Als die Umbenennung im Juli 1951 vom Senat ratifiziert wurde, stand in derselben Sitzung das „Verbot der Freien Deutschen Jugend (FDJ)“ auf der Tagesordnung. …Als Ende der fünfziger Jahre das Wohngebiet Vahr entstand, erhielten die Straßen Namen nach Personen der deutschen Arbeiterbewegung und des antifaschistischen Widerstands….Hier war die Möglichkeit gegeben, einer der Straßen den Namen Ernst Thälmann zu geben. Aber weder er noch ein anderer aus der KPD wurde berücksichtigt…Bremen dagegen wartet bis heute eine Straße oder ein Platz darauf, den Namen dieses unbeugsamen Reichstagsabgeordneten und Vorsitzenden der KPD wieder zu tragen.
Auszug BAF 10/11.2014

15. September 2014

Ethnische Säuberungen, Völkermord, Flucht und Vertreibung im Europa der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts beschreibt der polnische Autor Jan M. Piskorski auf eindrucksvolle Weise. Auch wenn er hin und wieder antisowjetische Ressentiments zum Ausdruck bringt, ist es ein sehr faktenreiches und fundiertes Werk. Zunächst beschreibt er die Massenvertreibungen in den Balkankriegen, die dem Ersten Weltkrieg vorausgingen und endet mit einem Epilog zu den ethnischen Säuberungen in den Staaten des ehemaligen Jugoslawien zwischen 1989 und 1999. Bewusst unterscheidet er zwischen Vertreibungen, Umsiedlungen und ethnischen Säuberungen. In den Mittelpunkt seiner Darstellung stellt er die staatlichen Versuche einer ethnischen „Homogenisierung“ der Mittel- und Südosteuropäischen Länder zwischen 1918 und 1948. In voller Absicht gibt er seinem Buch den Titel „Die Verjagten“ und stellt den Vertreibungsplänen verschiedener Staaten den unbedingten Vernichtungswillen gegenüber der jüdischen, russischen, polnischen, serbischen Bevölkerung durch die Nationalsozialisten entgegen.
Piskorski widerlegt die kruden Thesen Ernst Noltes, der Stalins Umsiedlungsaktionen in den dreißiger Jahren und während des Zweiten Weltkriegs als Modell für Hitlers Vernichtungspläne gegenüber dem europäischen Judentum ausmachen will. Deutlich wird dabei auch, welch lange Tradition zaristische Umsiedlungsaktionen gegenüber ganzen ethnischen Gruppen hatte. Anhand neuerer Archivfunde und realistischer Berechnungen relativiert er die während des Kalten Krieges gängigen Zahlen in Bezug auf die Anzahl ermordeter oder vertriebener Menschen in Ostmitteleuropa. Piskorski stellt der aus Furcht vor einer möglicherweise wieder erwachenden Stärke der Deutschen verordneten Vertreibung kriminelle oder aus Hunger, Rachegefühlen, Neid erwachsene massenhafte Übergriffe in der letzten Kriegsphase und zu Ende des Krieges entgegen. An Einzelbeispielen macht er deutlich, dass „anständige“ Deutsche dabei sehr wohl von Nachbarn wie von Behörden in Schutz genommen wurden.
Fluchtgründe, Ängste, Sehnsucht und Hoffnung der Verjagten versucht Piskorski eindrucksvoll durch Schilderungen aus literarischen Werken deutlich zu machen. Erich Maria Remarque und Irène Némirovsky kommen in ihren Fluchterlebnissen zu Wort. Der aufbewahrte Hausschlüssel ist für ihn Symbol vergeblicher Hoffnung auf eine Rückkehr in ein längst beendetes früheres Leben in gewohnten Bahnen. Mit ausführlichem Ortsregister und Literaturverzeichnis.
Jan M. Piskorski, Die Verjagten. Flucht und Vertreibung im Europa des 20. Jahrhunderts, 433 S., 24,99 Euro, dt. Ausg. Siedler Verlag München 2013, ISBN 978-3-8275-0025-0
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Attraktion der NS-Bewegung

15. September 2014

75 Jahre nach Entfesselung des Zweiten Weltkriegs stellt sich verstärkt die Frage wie es in Deutschland zur Machtübertragung an die Faschisten kommen konnte „Worin bestand die Anziehungskraft der Nazi-Bewegung?“ fragt die Herausgeberin Gudrun Brockhaus anlässlich einer Tagung über die Aufstiegszeit der NSDAP. Die Wahlergebnisse neofaschistischer und rechtspopulistischer Parteien und eine lange Jahre nicht gewollte Aufklärung über das Mordtreiben des so genannten NS-Untergrunds stellen meines Erachtens das Thema in voller Deutlichkeit auf die Tagesordnung. Immer noch werden neue Einzelheiten zur Verantwortlichkeit des Finanzkapitals, des Militärs und der seit dem Kaiserreich bestehenden Eliten in Archiven gefunden. In 17 Beiträgen wird die subjektive Motivation von Teilen des Mittelstands beleuchtet, sich dem Faschismus anzuschließen bzw. zu unterwerfen. Untersucht werden die Verarbeitung des Fronterlebnisses nach dem Ersten Weltkrieg, die Empfänglichkeit verschiedener sozialer Gruppen für die NS-Bewegung, die Bedeutung der wirtschaftlichen Krisen der Weimarer Republik, die Rolle des Antisemitismus, die Rolle von Personenkult und der Einsatz moderner Technik und Kommunikation. Offensichtlich verloren die liberalen und konservativen berufsständischen Honoratiorenparteien mit der Wirtschaftskrise von 1929 ihren Rückhalt im Mittelstand, die Einpunktparteien waren unfähig das verlorene Vertrauen zu binden. Angesicht kriegstraumatischer Erlebnisse schwand die Hoffnung, auf dem Verhandlungsweg mit den Siegermächten eine nachhaltige Besserung zu erreichen. Viele Mittelständische träumten von einem Kaiserreich ohne Kaiser, die Vorstellung von einem Revanchekrieg schien ihnen vielfach der einzige Ausweg aus ihrer unsicheren wirtschaftlichen Lage. Sie hofften auf eine Überwindung des Versailler Vertrag mit einem Handstreich. Die Weimarer Demokratie und ihre Parteien werteten sie vielfach als aufgezwungenes System.
Die Attraktivität des NS-Systems bestand darin, dass es sich ihnen als Bewegung darstellte, als mitreißende tatkräftige Aktionsform, die vorgeblich von einem Mann von ganz unten geführt wurde. Die NS-Bewegung zeigte sich als dynamisch, Hitler absolvierte zwischen April und November 1932 auf vier Flugreisen 148 Reden vor einem Publikum von jeweils 20-30.000 Menschen. 31,7% des Mittelstands träumte von einer harmonischen Volksgemeinschaft, 22,5% war extrem nationalistisch, 18,1% verfiel einem ausgeprägten Hitlerkult. Die Stoßtrupps des Grabenkriegs von 1914/18 wurden in der Zeit der Wirtschaftskrise Vorbild für die Mobilisierung von Angehörigen des Mittelstands auf dem politischen Feld. Militarismus, Vitalität, Gewaltbereitschaft, Jugendkult, Kameradschaft banden Landsknechte in der SA weit mehr als im ultrakonservativen Stahlhelm, wurde doch scheinbar die verkrustete Gesellschaft aufgebrochen. Mit der Entrechtung und Enteignung des jüdischen Teils der Bevölkerung gab es Wohnungen, Arbeitsplätze, sozialen Aufstieg zu gewinnen. Zudem geschah etwas, um die Angst vor revolutionärer Veränderung zu beenden. Diskussionen, Verhandlungen, all das wurde ersetzt durch inszenierte Auftritte mit nächtlichen Inszenierungen, Fackelzügen, Heldenverehrung und Beschwörungsformeln, deutlich symbolisiert mit dem Handschlag zwischen Hitler und Hindenburg vor der Garnisonskirche in Potsdam. Die letzten drei Beiträge beschäftigen sich mit dem Neofaschismus von heute. Darin geht es um Gewaltprävention, der Wirkung nationalistischer Flash Mobs und die Rolle der Gewalt in der neofaschistischen Ideologie und Praxis. Ein ausführliches Literaturverzeichnis erleichtert die weitere Beschäftigung mit dem Thema.
Gudrun Brockhaus (Hrsg.) Attraktion der NS-Bewegung, Klartext Verlag Essen, 341 S., Juli 2014, 22,95 Euro, ISBN 978-3-8375-1033-1

978-3-8375-1033-1

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