Rede für die Kundgebung zum Hiroshimatag

29. August 2022

In gut drei Wochen erinnern wir uns an den Tag, an dem das faschistische Deutschland mit seinem Überfall auf Polen den 2. Weltkrieg auslöste.
Heute erinnern wir uns an den letzten barbarischen Akt am Ende dieses Krieges: an den Abwurf von zwei Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki durch die Luftwaffe der USA.
Die USA waren neben der Sowjetunion, Großbritannien und Frankreich Teil der Anti-Hitler-Koalition, der wir den Sieg über das faschistische Deutschland verdanken. Militärisch nutzlos, diente das Verbrechen der Atombombenabwürfe aber dazu, der Sowjetunion und dem Rest der Welt die militärische Überlegenheit der USA zu demonstrieren.
Am 15. August war mit der Kapitulation durch den Kaiser Japans der Kampf um eine neue Aufteilung der Welt vorübergehend beendet. Er hat ca. 60 Millionen Menschen das Leben gekostet.
Die deutschen Wehrmachtsgenerale und Kriegsgewinnler konnten nur vier Jahre nach ihrer Niederlage im Schutz der Westmächte den Staat gründen, der für ihre reorganisierte Armee gebraucht wurde. 1955 wurde dieser Staat Mitglied der NATO, noch bevor im selben Jahr die ersten Soldaten in die nach Kriegsverbrechern benannten Kasernen der Bundeswehr einrückten. Zeitgleich wurde ein Bundesministerium für Atomfragen gegründet, der zuständige Minister hieß Franz Josef Strauß. Der wurde ein Jahr später Verteidigungsminister und machte sich massiv für die Ausrüstung der Bundeswehr mit Atomwaffen stark, ersatzweise für die Stationierung von US-amerikanischen Atomwaffen in der Bundesrepublik. Die frühe Förderung der zivilen Kernspaltung diente natürlich auch der Möglichkeit der atomaren Bewaffnung. Am 25. März 1958 beschloss der Bundestag die Ausrüstung der Bundeswehr mit Trägersystemen für Atomwaffen. Dieser Beschluss wurde nie aufgehoben, entspricht dem NATO-Konzept der nuklearen Teilhabe und es werden neue Kampfflugzeuge dafr gekauft.. Die Bundesregierungen weigern sich bis heute, dem UN-Atomwaffenverbotsvertrag beizutreten.
Doch nicht nur die geschätzt 12.700 Atombomben auf der Welt bedrohen das Leben auf unserem Planeten.
SIPRI meldet in seinem Rüstungsbericht für das Jahr 2021: die globalen Militärausgaben sind auf ein Rekordhoch von über zwei Billionen Dollar gestiegen. Sie wuchsen das siebte Jahr in Folge, sie kennen offenbar keine Krise. Und SIPRI kannte da noch nicht den vom Bundestag im Juni beschlossenen Kriegskredit von 100 Milliarden und die Erhöhung des Militärhaushalts auf 2% des Bruttoinlandsprodukts, eine Erhöhung von zuletzt 50 Milliarden Euro auf dann 70 Milliarden.
Der Kampf um Einflusszonen, Absatzmärkte, Zugang zu billigen Rohstoffen, Maximalgewinne geht weiter und hat sich zugespitzt. Kapital wandert um den Globus auf der Suche nach lukrativen Anlagemöglichkeiten und stößt dabei an immer mehr Grenzen. Die Konkurrenz verschärft sich.
Millionen Menschen blieben und bleiben dabei auf der Strecke. Hunger ist für bis zu 828 Millionen Menschen täglicher Begleiter, weltweit stirbt alle dreizehn Sekunden ein Kind unter fünf Jahren an den Folgen von Hunger (Deutsche Welthungerhilfe).
Der Kapitalismus tötet auch schon vor dem Einsatz von Atombomben und durch sein sozusagen normales Wirken.
Doch es rumort in der Welt, die Menschen gehen auf die Straße, weil sie so nicht mehr weiterleben können und wollen:
In Indien wurden Bahnlinien besetzt gegen die Privatisierung der Bahn. Bauern kämpfen gegen die Öffnung des indischen Agrarmarkts für internationale Lebensmittel-Konzerne. Es erwartet sie dadurch noch mehr Überschuldung. Die Selbstmorde in landwirtschaftlichen Betrieben gehen in die Tausende.
In Sri Lanka wurde die Regierung gestürzt. Die Lage für die Bevölkerung ist nicht mehr erträglich.
Das Land ist hoch verschuldet, es fehlt der Dünger in der Landwirtschaft, es fehlt an Treibstoff und Medikamenten.
In Brasilien streikten Arbeiter in Stahlbetrieben und Erzminen nach Jahren ohne Lohnerhöhung und steigender Inflation um mehr Lohn zum Leben.
Es gibt heftige Proteste gegen ein neues Pestizidgesetz, für das sich Bayer, BASF und andere bei der Bolsonaro-Regierung stark machen. So besetzte die Jugendorganisation der Landlosen­-bewegung MST am 10. Juni eine Niederlassung von BAYER. Sie schrieben: „
„Während die europäische Pestizid-Industrie danach strebt, ihre Profite zu maximieren, stirbt in Brasilien jeden zweiten Tag ein Mensch an einer Pestizid-Vergiftung. Und rund 20 Prozent dieser Todesopfer sind Kinder und Jugendliche unter 19 Jahren.“
In Norwegen streikten Anfang Juli Arbeiter auf den Öl- und Gasplattformen nach gescheiterten Lohnverhandlungen und bei steigender Inflation. Die Betreiber hatten einen Quartalsgewinn von 18 Milliarden Dollar eingestrichen.
In Frankreich legte im Juli ein landesweiter Warnstreik der Bahngewerkschaften den größten Teil des Bahnverkehrs lahm. Nach acht Jahren Lohnstopp und steigender Inflation ist die Wut groß.
In Großbritannien fand der größte Bahnstreik seit 30 Jahren statt: Mehr als 40 000 Bedienstete legten an drei Tagen etwa die Hälfte des britischen Bahnnetzes lahm. Wegen der hohen Inflation fordern sie mehr Lohn. „Wir entschuldigen uns für die Unannehmlichkeiten, die durch unsere Aktion entstehen, aber wir wollen einfach nur das, was uns zusteht: mehr Lohn, damit die Kolleginnen und Kollegen auch künftig ihre Gasrechnungen bezahlen können.“ Im August werden sich die Streiks ausdehnen.
Hoffnung machten bei vielen von uns die Flughafen- und Hafenarbeiter in Pisa, Livorno und Genua mit ihrem Streik gegen Waffenlieferungen in die Ukraine. In Rom streikten und demonstrierten 5000 Beschäftigte unter der Losung „Die Waffen nieder – die Löhne rauf – Streik!“
Atombomben töten und zerstören, Rüstung tötet und zerstört, das kapitalistische Konkurrenzsystem tötet und zerstört.
John Heartfield schrieb unter seine berühmte Fotomontage mit der Hyäne:
„Krieg und Leichen, die letzte Hoffnung der Reichen“.
Und Bertolt Brecht schrieb zum Völkerkongress für den Frieden im Dezember 1952:
Denn der Menschheit drohen Kriege,
gegen welche die vergangenen wie armselige Versuche sind,
und sie werden kommen ohne jeden Zweifel,
wenn denen, die sie in aller Öffentlichkeit vorbereiten,
nicht die Hände zerschlagen werden.
Vielleicht sind wir zu denen zu freundlich.
Regine Albrecht (VVN-BdA Bremen)

Rede vom 8. Mai 18.30 Uhr auf dem Marktplatzvon Ulrich Stuwe, Vorsitzender der VVN-BdA, LV Bremen

12. Mai 2022

Werte Anwesende,
heute jährt sich zum 77. mal die Befreiung Europas vom Faschismus durch die
Alliierten des Zweiten Weltkriegs.
Mit etwa 27 Millionen von 55 Millionen Kriegstoten trug die Sowjetunion die
Hauptlast des Zweiten Weltkriegs. Darunter waren Angehörige aller ungefähr 100
Völker, die die Sowjetunion bewohnten. Ihre Leichen liegen nicht nur in der
Sowjetunion, sondern auch in Osteuropa, dem Balkan und in allen Teilen des
damaligen „Großdeutschen Reiches“. Auch in Gebieten, die die Rote Armee nie
erreichte, starben Kriegsgefangene, zivile Zwangsarbeiter,
Konzentrationslagerhäftlinge usw. Auch in Bremen. Die meisten davon liegen – nach
Umbettungen – heute auf dem Osterholzer Friedhof in Bremer Osten. Derzeit wird in
Bremen darum gestritten, ob man einen solchen angeblich geleerte Gräberstätte
wirtschaftlich nutzen soll, oder er für die Erinnerung erhalten werden soll. Auch weil
nach wie vor nicht geklärt ist, wie vollständig die damaligen Exhumierungen waren.
Wir sind aber nicht nur hier, um der Toten des Zweiten Weltkriegs zu gedenken.
Derzeit tobt ein Krieg in Europa. Russische Truppen sind in die Ukraine
eingedrungen und haben das Land mit Gewalt überzogen. Dies ist ohne Zweifel ein
völkerrechtswidrigen Angriffskrieg, der zehntausenden auf beiden Seiten bisher das
Leben gekostet und Millionen zur Flucht aus ihrer Heimat getrieben hat.
Die russische Rechtfertigung dieses Einmarsches ist in Teilen richtig und in anderen
falsch bzw. schlichtweg gelogen. Eine Berechtigung für diesen Krieg kann sie nicht
sein. Das auch von Seiten der Ukraine und der Nato, der EU und anderen die Ukraine
unterstützenden Staaten die Öffentlichkeit belogen und betrogen wird, wird kaum
jemand ernsthaft leugnen können. Auch dies rechtfertigt das russische Vorgehen aber
eben sowenig.
Da ich Landesvorsitzender der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes bin und
sich meine Organisation auch intensiv mit Neofaschismus beschäftigt, lassen sie mich
nur so viel sagen. Weder die russische Regierung unter Präsident Putin, noch die
ukrainische Regierung unter Präsident Selensky sind faschistisch im Sinne einer
Nachfolge des NS-Regimes. Da beide Regierungen stark nationalistisch ausgerichtet
sind und sich gegen Minderheiten sowie linke und andere fortschrittliche
Bewegungen in ihrem eigenen Land richten, haben sie viele Gemeinsamkeiten mit
dem Faschismus. Beide Regime arbeiten auch mit faschistischen Gruppen in ihren
Ländern zusammen, anstatt antifaschistische Arbeit zu unterstützen.
Doch Putins historisches Vorbild ist eher das zaristische Russland als die Sowjetunion, wie unsere Informationsindustrie uns weismachen will. In Russland ist
es soweit gediehen, dass die derzeitige Regierung durch Wahlen – auch wenn sie pro
forma nach wie vor stattfinden – nicht mehr abgewählt werden kann.
Die verschiedenen ukrainischen Regierungen, soweit sie sich in der Nachfolge der
orangenen Revolutionen sehen, orientieren sich historisch an allen historischen
nationalistischen ukrainischen Bewegungen, die sich gegen Russland richteten. Das
gilt auch für die ukrainisch-faschistische Organisationen, die während der deutschen
Okkupation ab 1941 gegen sowjetische Partisanen und die Rote Armee kämpften und
sich am Holocaust in der Ukraine beteiligt haben.
(Organisation Ukrainischer Nationalisten (Organisazija Ukrainskich Nazionalistiw),
Stepan Bandera und der Ukrainischen Widerstands Armee (Ukrainska Powstanska
Armija))
Die ukrainische Regierung bedient sich dieser Faschisten – wie Stepan Bandera –,
weil sie gegen die verhasste Sowjetunion gekämpft haben. Ihre faschistische und
antisemitische Ideologie und ihre Beteiligung am Holocaust verschweigt sie dagegen.
Die Verbündeten der ukrainischen Regierung sind heute eher im Westen zu finden.
Dies erfordert ein Mindestmaß an demokratischer Beteiligung. Genauso wie das
herrschende Oligarchensystem in der Ukraine keine politische Richtung erlaubt, das
sich gegen das Oligarchensystem selbst richtet, bestenfalls werden die Oligarchen
ausgeschaltet, die eine unterlegene politische Richtung unterstützen.
Zur Kriegspropaganda in allen Kriegen gehört, dass die Fehler der Verbündeten
übersehen oder heruntergespielt werden, die der Gegenseite überbetont werden.
Insoweit ist die Bundesrepublik längst Kriegspartei. Die eigenen Aufrüstungsziele –
die als Planungen wohl schon seit Jahrzehnten existieren – können so endlich
gerechtfertigt und in die Praxis umgesetzt werden. Dass dies mit einer Stärkung der
eigenen Rüstungsindustrie verbunden ist, braucht hier kaum erwähnt zu werden. Um
diese Rüstungsunternehmen zu erhalten und deren Produktion auszuweiten müssen
immer mehr Waffen angeschafft und exportiert werden. Beschränkungen dieser
Exporte werden immer weiter gelockert und notfalls „Ausnahmegenehmigungen“
zum Regelfall werden. Internationale Konflikte werden angeheizt. Die
Gefahrendarstellung durch „Feinde“ – ob Staaten oder andere Gruppen – müssen den
etwaigen Waffenkäufern möglichst drastisch verdeutlicht werden.
Dies sind die logischen Folgen des „100-Milliarden-Programms“ und das Erreichen
des „2-Prozent-Wehretat-Zieles“ durch die Bundesregierung. Jede Aufrüstung von
welcher Seite auch immer führt zur weiteren Aufrüstung der „Gegenseite“.
Einflussreiche Lobbyverbände heizen die Spirale immer weiter an. Für wichtige
gesellschaftliche Projekte – wie z.B. der Umbau zur klimagerechten Gesellschaft und
der sozialen Abfederung dieses Prozesses – wird das Geld fehlen. Die soziale
Schieflage der Gesellschaft wird immer weiter kippen. Um Unruhen vorzubeugen
wird Apparat der inneren Sicherheit – trotz der Verfassungswidrigkeit ihrer Eingriffe – immer weiter ausgebaut und die Bewaffnung noch mehr verstärkt. Ein sich
selbsterhaltender Kreislauf.
Nur wir – als Teil einer dagegen stehenden Bevölkerung – können uns wehren, in
dem wir über die Logik der Aufrüstungsstrategie und ihrer Profiteure aufklären, uns
vernetzen, auf die Straße gehen und gegen Aufrüstung und für eine sozialgerechte
und ökologisch notwendige andere Verteilung des Einkommens und des Vermögens
in diesem Land eintreten.

Rede zum 8. Mai 11 Uhr auf der Reitbrake von Ulrich Stuwe, Vorsitzender der VVN-BdA, LV Bremen

12. Mai 2022

Heute ist der 77. Jahrestag der Befreiung Europas vom Faschismus an der
Macht. Damit nahm auch der Große Vaterländische Krieg gegen Deutschland
ein Ende, der seit vor fast 81 Jahren begann. Die Menschen, deren Leichen die
Deutschen hier verscharren ließen, haben sich gegen den faschistischen
Überfall auf ihr Land gestemmt. Sie wurden nach ihrer Gefangennahme
gezwungen für die deutsche Kriegsmaschinerie zu arbeiten. Durch Hunger,
Auszehrung, Krankheiten oder Gewaltakte wurden sie um ihr meist noch junges
Leben gebracht.
Von den etwa 55 Millionen Toten des europäischen Krieges waren ungefähr 27
Millionen Bürgerinnen und Bürger der Sowjetunion. Rund die Hälfte der
Soldatinnen und Soldaten der Roten Armee in deutscher Kriegsgefangenschaft
lebte bei der Befreiung nicht mehr.
Trotz ihrer in der Geschichte der Kriege beispiellosen Anzahl an Toten und
Verwundeten gelang es der Roten Armee nicht nur die Sowjetunion, sondern
auch u.a. die Staaten Osteuropas, des Balkans und große Teile des Deutschen
Reichs vom Faschismus zu befreien.
Für Europa brachte dieses Ende des Zweiten Weltkriegs zwar nicht – wie die
deutsche Politik und Historie immer wieder verkündet – eine lange Periode des
Friedens. Bürgerkriege und militärische Aktionen in anderen Ländern fanden
auch in Europa in der Folgezeit immer wieder statt. Immerhin konnte ein Dritter
Weltkrieg bis zum Ende des Warschauer Paktes und der Sowjetunion aber
verhindert werden.
Erst das durch die Nato-Staaten unterstützte Auseinanderbrechen Jugoslawiens
in ihre Einzelstaaten führte zu längeren Kriegen. Bis sich die Nato-Staaten
entschlossen haben zugunsten der kosovarischen Unabhängigkeit einen
völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen Rest-Jugoslawien zu führen. Ein
Umstand, der in der westlichen Propaganda auch heute noch gerne
verschwiegen wird.
Heute führt die Russische Förderation ebenfalls einen völkerrechtswidrigen
Angriffskrieg in der Ukraine, der zehntausenden auf beiden Seiten bisher das
Leben gekostet hat und Millionen zur Flucht aus ihrer Heimat getrieben hat.Ich werde hier jetzt nicht auf die russische Rechtfertigung dieses Einmarsches
in die Ukraine eingehen. Sie ist in Teilen richtig und in anderen falsch bzw.
schlichtweg gelogen. Eine Berechtigung für diesen Krieg ist sie nicht. Das auch
von Seiten der Ukraine und der Nato, der EU und anderen die Ukraine
unterstützenden Staaten die Öffentlichkeit belogen und betrogen wird, wird
kaum jemand ernsthaft leugnen, rechtfertigt das russische Vorgehen aber
ebensowenig.
Das angesichts des russischen Angriffskriegs einige Staaten ihre
wirtschaftlichen und politischen Kontakte zur Russischen Förderation
einschränken und in Teilen beenden, mag noch nachvollziehbar sein. Warum
dies in kulturellen, sportlichen, persönlichen Bereichen auch passiert oder
zumindestens ein erheblicher Druck in dieser Hinsicht ausgeübt wird, bleibt mir
allerdings unklar. Angeblich sind im Westen diese Bereiche – im Unterschied zu
Russland – ja völlig unabhängig von politischer Einflussnahme. Das dies nicht
so ist, haben die Diskussionen und Handlungen der letzten Wochen auch in der
Bundesrepublik zur Genüge gezeigt. Dazu gehören auch Übergriffe auf wirklich
oder vermeintlich russischsprachige Menschen und Schändungen von
sowjetischen Kriegsdenk- und -ehrenmälern.
Auch hier an diesem Ort müssen wir verhindern, dass die russische Aggression
in der Ukraine dazu genutzt wird, die wirtschaftliche Nutzung dieses
Gräberfeldes zu rechtfertigen. Nicht nur, dass hier die sterblichen Überreste von
Menschen von allen ca. 100 Völkern der Sowjetunion – also auch Ukrainer –
liegen. Vor allem weil die Menschen der Sowjetunion nicht nur für ihre eigene,
sondern letztendlich auch für unsere Befreiung vom Faschismus gekämpft
haben. Dafür schulden wir ihnen – auch denen die meist elendig in
Gefangenschaft umgekommen sind – unseren Dank.
Die Aufrechterhaltung des persönlichen Austausches zwischen Menschen in
Deutschland und Russland in dieser Zeit ist eminent wichtig und richtig. Ein
solcher Dialog darf nicht bedeuten zur Konfliktvermeidung den Standpunkt des
anderen zu übernehmen oder dem anderen den eigenen Standpunkt aufzwingen
zu wollen. Doch auch dieser Krieg wird – hoffentlich recht bald – zu Ende
gehen. Auch danach sind so genannte zivilgesellschaftliche Kontakte zwischen
den Menschen der Russischen Förderation und der Bundesrepublik bitter nötig.
Damit diese Auseinandersetzung zwischen unseren verhärteten Regierungen
nicht doch noch zu einer weitaus größeren kriegerischen wird.

Teilnahme an der 1.Mai Demo in Bremen

12. Mai 2022

Rede von John Gerardu zurEinweihung des Gedenksteins für Julius Dickelam 7. Mai 2022 am Friedhof Buntentor

12. Mai 2022

Vielen Dank Dardo Balke und seinem Sohn Richie Gerardo
für euren musikalischen Beitrag zu dieser Veranstaltung.
Mein Name ist John Gerardu und ich darf Sie an diesem Ort
herzlich im Namen des Arbeitskreises „Erinnern an den März
1943“ begrüßen.
Dies gilt in erster Instanz Frau Simone Schuurhuizen, die
Witwe von Julius Dickel, sowie seiner Tochter Linda Dickel, die
gestern beide aus den Niederlanden angereist sind. (Hinweis
darauf, dass sie Deutsch verstehen, aber nicht sprechen).
Mein Dank gilt auch dem Historiker Dr. Hans Hesse, dessen
wissenschaftlichen Forschungen wir überhaupt verdanken,
soviel über das Schicksal der verfolgten Sinti und Roma in
Nordwest Deutschland allgemein zu wissen, insbesondere über
das der Familie Dickel.
Bedanken möchte ich mich beim Vorstand des Bremer Sinti
Vereins, namentlich bei Hermann Ernst und Marcus
Reichert, dafür dass ihr uns Einblick in die Geschichte und
Traditionen eures Volkes gewährt habt.
Martina Höhns als Vertreterin der Senatskanzlei möchte ich
ebenfalls danken. Sie und den Bürgermeister, Andreas
Bovenschulte, haben uns die Finanzierung des
Erinnerungssteins für Julius Dickel durch das Bremer Rathaus
ermöglicht.
Mein Dank gilt auch den Vertreter:innen von Umweltbetrieb
Bremen und vom Landesamt für Denkmalschutz, ohne
deren Unterstützung wir diesen Stein nicht hätten legen
können. Die Steinmetzin Katja Stelljes dafür, dass sie den
Stein und die Inschrift fachkundig gestaltet und montiert hat.
Donnerstag vor einer Woche hat übrigens der Beirat Neustadt
die Finanzierung einer DENKORTE Stele, die an die Verfolgung
der Sinti und Roma erinnert, bewilligt. Diese soll am 19.
November dieses Jahres im hinteren Teil dieses Friedhofs eingeweiht werden.

Dem Beirat Neustadt gebührt ebenfallsunseren Dank!
Der Arbeitskreis „Erinnern an den März ‚43“ möchte in der
Öffentlichkeit auf das Schicksal und vor allem die Verfolgung
der Sinti und Roma in Bremen aufmerksam machen. Dieser
Arbeitskreis der trifft regelmäßig zusammen. In ihm sind sowohl
der Sinti Verein Bremen und Bremerhaven, wie auch Hans
Hesse, die VVN-BdA, das Kulturzentrum Schlachthof und andere
vertreten.
Der Arbeitskreis benannte sich nach dem Datum der
Deportation der Sinti und Roma aus Nordwestdeutschland
während des Nationalsozialismus. Von hier ging es über den
Bremer Schlachthof nach Auschwitz-Birkenau.
Im Laufe seiner Recherchen stieß Hans Hesse u.a. auf das
Schicksal der fast vollständig ermordeten Familie Petrus Dickel,
von dem nur der Sohn Julius überleben würde. Weitere
Recherchen ergaben, dass sich das Familiengrab der Eltern von
Petrus Dickel immer noch auf dem Friedhof von Buntentor
befindet. 1929 wurde dessen Vater Johann nämlich hier
beerdigt. Es ist wahrscheinlich das älteste erhaltene Sinti Grab
in Bremen.
Ein Zufall ergab, dass wir uns wesentlich intensiver mit dieser
Familie befassten. 2019 fuhr ein Teil des Arbeitskreises nach
Westerbork in den Niederlanden. Das dortige
Erinnerungszentrum wurde im ehem. Durchgangslager
Westerbork eingerichtet. Von hier wurden ab Juli 1942
sämtliche 105.000 Juden und am 19. Mai 1944 fast 250 Sinti
und Roma aus den Niederlanden nach Auschwitz, Sobibor,
Theresienstadt und Bergen-Belsen deportiert.
Ein wissenschaftlicher Mitarbeiter fragte uns, ob wir Auskunft zu
einer Familie Dickel in Bremen geben könnten. Hintergrund
dieser Frage war, dass sich eine Linda Dickel aus Rotterdam an
das Erinnerungszentrum in Westerbork gewandt hatte, ob sie
Informationen zu einem Julius Dickel aus Bremen hätten. Diese
Frage wurde an uns weitergeleitet. Als wir diese Frage bejahten,
erhielten wir ihre Kontaktdaten.
Zurück in Bremen tauchte Hans Hesse noch mehr in die
Geschichte der Familie ein, während ich, weil ich Niederländischspreche,

Kontakt mit Linda aufnahm. So schlossen wir
Bekanntschaft mit der Tochter von Julius Dickel. Erstmals erfuhr
sie von uns, was mit der Familie geschehen ist und welches
Schicksal konkret ihr Vater erlitten hat. Und das ist der einzig
schöne Teil dieser Geschichte.
Die andere Seite der Geschichte ist traurig und brutal.
Julius Dickel – und ich betone nochmals, er war der einzige
Überlebende seiner Familie – hat 1968 in Groningen Simone
Schuurhuizen geheiratet. Mit ihr bekam er Dezember ‚69 eine
Tochter, eben Linda. Traumatisiert durch seinen Aufenthalt in
mehreren NS-Lagern, beeinträchtigt durch die ständige
Einnahme von Medizin, darunter schwere Depressiva, lebte
Julius nach seiner Befreiung ein unstetes Leben. Nur 3-4 Jahre
nach der Geburt von Linda verließ er Frau und Kind in
Groningen. Seine Tochter hat er danach nie wiedergesehen.
Einsam ist Julius Dickel letztendlich 1993 in Offenburg/Baden
Württemberg gestorben. 25 Jahre später wurde sein Grab dort
eingeebnet, weil der Friedhofsverwaltung in Offenburg keine
Verwandten bekannt waren.
Linda hat weder Bilder von ihm, noch ist er in ihrem Gedächtnis
präsent geblieben. Auf Grund ihrer Erkrankung kann auch ihre
Mutter keine weiteren Auskünfte zu Julius geben.
Auf Wunsch von Linda haben wir uns drum gekümmert, dass es
einen Erinnerungsstein geben soll. Denn auch wir als
Arbeitskreis haben ein Interesse daran, dass an Julius Dickel
und seine Familie erinnert wird, denn ihre Geschichte steht
stellvertretend für das Schicksal vieler Sinti und Roma Familien.
Was macht genau die Bedeutung von Julius Dickel aus?
Julius wurde als eins von fünf Kindern der Eheleute Petrus und
Maria Albertine Dickel in Osnabrück geboren. Die Familie zog im
Frühling und Sommer mit ihren Wohnwagen durch den
Norddeutschen Raum, während sie sich ansonsten an mehreren
Adressen in Bremen aufhielt. Julius besuchte die Volksschule an
der heutigen Neustadtswall, Ecke Schulstraße, also hier in der
Neustadt.
Am 8. März 1943 wurde die Familie an ihrer damaligen Adresse
in der Stoteler Straße in Gröpelingen vom Kripo-Beamten Wilhelm Mündtrath verhaftet

und in den provisorisch als Lager
eingerichteten Schlachthof in Findorff gebracht.
Mündtrath war als Dienststellenleiter der Kripo-Leitstelle
Nordwest im Bremer Polizeihaus, die heutige Stadtbibliothek,
zuständig für die Verhaftung und Deportation sämtlicher Sinti
und Roma aus Bremen, Oldenburg und Stade. Nur wenige Tage
später wurden über 300 der inhaftierten Familien von
bremischen Kripobeamten, darunter Mündtrath persönlich, nach
Auschwitz-Birkenau ins sog. „Zigeunerfamilienlager“ gebracht.
Nur wenige von ihnen überlebten, andere waren sog.
„medizinischen“ oder „wissenschaftlich notwendigen“
Experimente ausgesetzt.
Der damals 16-jährige Julius Dickel wurde im Familienlager
ausgesondert, weil er körperlich stark genug erschien, um als
Arbeitssklave eingesetzt zu werden. Auf Anraten seiner Mutter
stimmte er die damit verbundene Verlegung ins Stammlager
Auschwitz zu.
Er überlebte diese Sklavenarbeit in Arbeitskommandos im KZ
Buchenwald, KZ Flossenburg und Theresienstadt.
In Theresienstadt erlebte er, körperlich und seelisch schwer
gezeichnet, seine Befreiung. Die folgenden Monate verbrachte
er in einem Krankenhaus, um eine Typhuserkrankung
auszukurieren.
Es gab weitere körperlichen Verletzungen:
durch einen SS-Mann war ihm ein Zahn ausgeschlagen worden;
ein Peitschenhieb brach ihm das Nasenbein; zudem musste er
während der KZ-Haft oft nachts draußen, auf dem kalten
Zementboden von Bahnhöfen, bei Regen und Kälte, schlafen.
Nach seiner Krankenhausentlassung fuhr Julius Dickel mit einem
Bustransport nach Bremen, der übrigens vom Bremer Carl Katz,
der Vorsteher der Jüdischen Gemeinde in Bremen und ebenfalls
Häftling in Theresienstadt, zusammengestellt worden war.
Hier angekommen wird er mit der schrecklichen Erkenntnis
konfrontiert, dass seine Eltern und Geschwister alle ermordet
worden sind. Er fühlt sich einsam und verlassen und beschließt
zum Grab seines Großvaters Johann auf dem Friedhof in
Buntentor zu gehen.
Von einem Friedhofswächter erfährt er, dass es noch einen
Onkel, einen Bruder seines Vaters, in den Niederlanden geben soll. Der war vor der Machtergreifung der Nazis in die
Niederlanden gezogen und hatte eine niederländische Frau
geheiratet. Dieser Onkel hatte 1931 auch seine Mutter Maria
Dickel, die Großmutter von Julius, zu sich in die Niederlanden
geholt. Als sie dort in Juni 1943 verstarb, gelingt es ihm sie auf
dem Buntentor Friedhof beerdigen zu lassen. Wie dies
geschehen konnte, als alle andere Familienmitglieder bereits in
Auschwitz-Birkenau waren, ist für uns immer noch ein Rätsel.
Julius beschließt bei seinem Onkel in Leersum/NL zu bleiben und
betreibt von dort, teilweise mit Unterstützung eines
niederländischen Anwalts, seine Wiedergutmachung. Sein
Antrag wird von der zuständigen Behörde sorgfältig geprüft,
denn für die „Beantwortung“ (bewusst zwischen
Anführungszeichen) dieser Frage sei es wichtig, (Zitat) „um
festzustellen, ob D. [gemeint ist Julius Dickel, d. A.] überhaupt
in seinem Leben schon gearbeitet hat oder evtl. als
arbeitsscheu zu betrachten ist.“
Zur Erinnerung: Julius Dickel war zum Zeitpunkt seiner
Deportation im März 1943 16 Jahre alt. Welche Arbeit soll er in
diesem Alter schon nachgegangen sein?
Julius litt, wie ich bereits gesagt habe, stark unter den Folgen
der Haft, insbesondere der Typhuserkrankung.
Ohnmachtsanfälle häuften sich. Ebenso tägliche Kopfschmerzen
und epileptische Anfälle. Außerdem litt er unter einer
angstneurotischen Depression. Insgesamt wurde erst 1964 ein
Verfolgungsschaden anerkannt, der eine 30%
Erwerbsminderung zur Folge gehabt hat.
1961 zeigt Julius Dickel den Kripo-Beamten Wilhelm Mündtrath
an, der übrigens auch hier in der Neustadt, in der Friedrich
Ebert Straße lebte.
Dickel warf Mündtrath vor, dass dieser gewusst haben musste,
(Zitat) „dass das Ziel unserer Reise ein Konzentrationslager
und damit die Vernichtung war.“ Er mache diese Aussage erst
jetzt, (Zitat) „weil ich glaubte, solche Personen wie Mündtrath
könnten auf Grund ihrer damaligen Tätigkeit nicht mehr verfolgt
werden.“
Die Anzeige hatte ein Ermittlungsverfahren gegen Wilhelm
Mündtrath zur Folge.Im September 1962 wurde das Ermittlungsverfahren jedoch
eingestellt. Man habe, so der Staatsanwalt, nicht beweisen
können, (Zitat) „dass er beim Transport von
Zigeunermischlingen aus Bremen am 8. März 1943 ins
Konzentrationslager Auschwitz gewusst hat, dass die dort
hinverlegten Menschen einmal getötet werden würden.“
Trotz dieses gescheiterten Versuchs einer justiziellen
Aufarbeitung der NS-Verbrechen an den Sinti und Roma in
Bremen, aber auch bundesweit, ist zu konstatieren, dass – wie
schon bei der Entnazifizierung — es die überlebenden Opfer
waren, die die Verfahren gegen die aus ihrer Sicht
verantwortlichen Kriminalpolizeibeamten initiierten. Ihre
unermüdlichen Versuche, so etwas wie Gerechtigkeit zu
erlangen, schufen quasi als Nebeneffekt überhaupt erst die
Quellen, die es späteren Historikern, wie Hans Hesse,
ermöglichten, die NS-Verbrechen aufzuarbeiten und zwar
weil die Täter in den Verhandlungen gezwungen wurden,
auszusagen,
weil die überlebenden Opfer als Zeugen des Geschehens
ihre Erlebnisse im wahrsten Sinne des Wortes zu Protokoll
gaben,
weil darüber hinaus Ermittlungen angestellt wurden, mit
denen die tatsächlichen oder behaupteten Lücken in der
amtlichen Quellenüberlieferung geschlossen werden
konnten.
Darin liegt der historische Wert dieser Aussagen, wie die von
Julius Dickel, trotz des ohne Zweifel unbefriedigenden Ausgangs
dieser Anzeigen und Wiedergutmachungsanfragen. Keiner der
beteiligten Beamten wurde verurteilt oder in der
Entnazifizierung über den Status eines „Mitläufers“
hinausgehend eingestuft.
Vergessen sollten wir außerdem nicht, wie die
Nachkriegsgesellschaft und die Behörden mit den aus den KZ’s
zurückkehrenden Sinti und Roma umgingen. Die ersten
siedelten sich u.a. in unmittelbarer Nähe von diesem Ort im
Geschwornenweg an. Sie stellten ihre Wohnwagen auf dem
Schulhof der durch alliierten Bombenangriffe zerstörten
Grundschule auf. Beschwerden aus der Nachbarschaft und von der Polizei führten hier

und woanders dazu, dass man die
Familien 1948 an einen zentralen Ort überführte: zum ehem. KZ
Riespott auf dem Gelände der heutigen Stahlwerke. Nur 7 Jahre
später, als die Klöckner Werke und der Senator für Häfen das
Gelände für andere Zwecke beanspruchten, wurden sie unter
Polizeiführung wiederum umgesiedelt, diesmal zur Mülldeponie
an der Warturmer Heer Straße, nicht weit vom „Storchennest“
entfernt.
Dazu ein Zitat des Regierungsdirektors Dr.Löbert aus der
Bürgerschaftsdebatte vom 18. Juni 1955:
„Ein Erfolg sei wenigstens bereits erreicht, denn die im Lager
Riespott ansässigen „Landfahrer“, von denen ein großer Teil
gebürtige Bremer waren, sind sesshaft geworden“. „Sie haben
somit die erste Stufe der Zivilisation erklommen.“
Verehrte Anwesende, Sie können Marcus und Hermann gerne
mal fragen, wie sie ihre Kindheit in Warturm auf diesem vom
damaligen Senat bereitgestellten Platz auf der Mülldeponie mit
seiner „höheren Zivilisationsstufe“ verbrachten. Dies war nach
der Deportation, die Nicht-Berücksichtigung bei der
Wiedergutmachung in der frühen Bundesrepublik bereits so
etwas wie eine „zweite Verfolgung“!
Nun möchte ich Linda Dickel das Wort erteilen (Kurzer
Redebeitrag, John übersetzt). Anschließend legt Linda einen
Blumenstrauß auf das Grab.
Dankeschön an die Anwesenden! Morgenfrüh um 11.00 Uhr gibt
es für Sie die Möglichkeit zu einer Stadtteilführung zum
Thema „Verfolgung von Sinti und Roma“, die Hans Hesse
und ich durchführen. Start ist ebenfalls bei der Kapelle und wir
besuchen nicht nur das Familiengrab Dickel, sondern auch das
Gräberfeld um anschließend noch eine kleine Wanderung zu
anderen Orten hier in der Nachbarschaft zu machen, die im
genannten Kontext erwähnenswert sind.
Schluss der Veranstaltung. Dardo und Richie spielen noch
ein Stück.

Erklärung des Landesvorstands der VVN-BdA Bremen zum Kriegsgräberfeld an der Reitbrake

1. Februar 2022

Inzwischen wurden neun vollständige Skelette neben vielen zusätzlichen Leichenteilen in dem Gräberfeld an
der Reitbrake ausgegraben. Damit hatte niemand vorher gerechnet. Deshalb ist es nun Zeit, fast 80 Jahre nach
Kriegsende und nach fast 80 Jahren schlampigen Umgangs des offiziellen Bremen mit den dort begrabenen
Leichen von Kriegsgefangenen aus der Sowjetunion mit aller Sorgfalt und Expertise vorzugehen.
Wir unterstützen von daher die Forderung, die inzwischen auch mit der LINKEN von einer der Regierungs –
parteien erhoben wurde, eine unabhängige Kommission von Historikern, Völkerrechtlern und Ethikern einzu-
richten, die der Bremischen Bürgerschaft eine Empfehlung zum Umgang mit der Kriegsgräberstätte an der
Reitbrake geben soll.
Wir betonen nochmals unseren Dank an Dieter Winge und Ekkehard Lentz für ihre außerordentlich gründl-
ichen und peniblen Recherchen zum Gräberfeld für sowjetische Kriegsgefangene an der Reitbrake, die auf
früheren Recherchen von Harry Winkel und Peter-Michael Meiners aufbauen.
Wir danken außerdem dem Team um Professorin Halle von der Landesarchäologie für die umfangreichen
Grabungen, die sie dort vornehmen. Sie möchten wir bestärken darin, sich die Zeit zu nehmen, die für eine
sorgfältige Untersuchung nötig ist und sich nicht durch Dritte unter Zeitdruck setzen zu lassen. Nötigenfalls
sollte die Untersuchung über den bisher geplanten Bereich hinaus erweitert und die Mittel dafür bereit gestellt
werden.
Für den Landesvorstand
Ulrich Stuwe

Redebeitrag von Lutz Liffers (Kultur Vor Ort e.V.) anlässlich des Jahrestages der Reichspogromnacht am 9.11.2021, Gröpelingen

9. November 2021

Liebe Freund:innen, liebe Mitstreiter:innen,

schon seit einigen Jahren engagieren sich die Nachbar:innen vom Martinsclub alljährlich am 9.11.,
dem Jahrestag der Reichsprogromnacht, auf eine ganz besondere Art für die Erinnerungskultur in
Bremen: Sie putzen die Stolpersteine.
Jene 30 Stolpersteine in Gröpelingen, die an die während der NS-Diktatur verschleppten und  getöteten Gröpelinger:innen erinnern sollen. Wir von Kultur Vor Ort e.V. wollen diese Aktion unterstützen und rufen deshalb schon seit einigen  Jahren auf, in einer gemeinsamen und nachbarschaftlichen Aktion die kleinen Kupferplatten zu  säubern, Blumen nieder zu legen und mit Nachbar:innen ins Gespräch zu kommen. Immer mehr Initiativen unterstützen unterdessen die Aktion: Bürgerhaus Oslebshausen,
Stadtbibliothek West, Geschichtswerkstatt Gröpelingen, ZIS – Zentrum für Migranten und
interkulturelle Studien e.V., SEKU Syrischer Exil -Kulturverein, das QBZ Morgenland und EUROPA
ZENTRAL- Leben im Liegnitzquartier.
Warum rufen wir zu dieser Putzaktion auf? Seit 1991 arbeitet in Bremen der Verein „Erinnern für die Zukunft“, um die Auseinandersetzung mit
dem Nationalsozialismus lebendig zu halten. Der Verein ist in Bremen ein maßgeblicher Initiator für
die Stolpersteine in der ganzen Stadt.
Wir möchten das Motto: „Erinnern für die Zukunft“ erweitern: Wir denken, wir sollten uns Erinnern
für die Gegenwart.
Denn es ist nicht eine ferne Zukunft, vor der wir uns fürchten müssen, sondern es ist die Gegenwart,
in der strukturelle rassistische Gewalt unsere Gesellschaft kennzeichnet.
Ich möchte deshalb heute an einen anderen Jahrestag erinnern. In diesen Tagen jährt sich zum
zehnten Mal ein besonders verstörendes Ereignis:
Vor zehn Jahren, am 4. November 2011, begangen nach einem missglückten Banküberfall zwei
Rechtsterroristen Selbstmord. Die ebenfalls rechtsterroristische Lebensgefährtin der beiden Männer
zündete wie vereinbart das gemeinsame Versteck an, um Spuren zu verwischen – und lancierte,
ebenfalls wie abgesprochen, ein zynisches Bekennervideo an die Polizei – um damit Angst und
Schrecken vor allem unter Migrant:innen zu verbreiten. Darin verherrlicht der „Nationalsozialistische
Untergrund“ (NSU) seine Morde: Elf Jahre konnten Mundlos, Bönhardt und Zschäpe unbehelligt 15
Raubüberfälle begehen, mehrere Bombenanschläge mit Dutzenden Verletzten verüben und zehn
Morde begehen, zumeist an Menschen mit Migrationsgeschichte.
Zu dem Zeitpunkt, als sich die beiden Mörder in einem Wohnwagen selbst erschossen und Beate
Zschäpe sich selbst enttarnte, war die Polizei immer noch damit beschäftigt, die Familien und das
Umfeld der ermordeten Migranten zu verdächtigen. Wie zum Beispiel in Nürnberg:
Das erste Opfer des NSU war Enver Şimşeks. Am 9. September 2000 wurde er an seinem
Blumenstand in Nürnberg von zwei Unbekannten erschossen. Jahrelang hatte die Polizei Şimşeks
Familie selbst verdächtigt, dem Opfer Drogenhandel oder Mafiageschäfte unterstellt, die Polizei
gaukelte der Ehefrau sogar vor, ihr Mann habe eine Geliebte, um Informationen aus ihr
herauszulocken.

Wie konnte es sein, dass die Polizei derart rassistisch verblendet, die rechtsradikale Szene als Täter
elf Jahre und zehn Morde lang gar nicht erst in Betracht zog? Dass ausschließlich die
Familienangehörigen der Migrant:innen verdächtigt und jahrelang immer wieder verhört wurden?
Die Morde des sogenannten „Nationalsozialistischen Untergrunds“ waren kein tragischer Einzelfall.
Die Süddeutsche Zeitung kommt in einer Analyse zu dem Schluss: „Deutlich wurde im Prozess (gegen
Zschäpe, LL) vor allem, wie sehr Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt eingebettet waren in ihrem
rechten Kosmos, dort bewegten sie sich frei wie Fische im Wasser. Nach dem Prozess verschwand
der NSU aus den Schlagzeilen. Die Szene aber blieb.“ (SZ Nr. 252, 30/31.10.2021)
Die Gewalttaten, Morde und Brandanschläge von Gruppen wie Freital in Dresden, Oldschool Society
oder Revolution Chemnitz, die Mordpläne des Bundeswehrsoldaten Franco A, der Prepper Gruppe
Nordkreuz 2016 (die eine Massenhinrichtung von Helfern von Geflüchteten vorbereiteten), der
Rechtsterrorist von München, der 2016 neun jugendliche Migrant:innen und der von Hanau, der
2020 neun Migrant:innen ermordete, der Anschlag gegen die Synagoge in Halle und die Ermordung
des CDU Politikers Lübke, die mindestens 200 Morddrohungen gegen Migrant:innen, Politiker:innen,
Anwält:innen und Menschenrechtsaktivist:innen des sogenannten „NSU 2.0“ … das ist der
permanente Rechtsterrorismus in Deutschland.
Diese Morde, Gewalttaten, Morddrohungen sind die terroristische Spitze eines rassistischen Eisbergs
mitten in Deutschland. Auch die oben genannten Gruppen und Täter bewegen sich in unserer
Gesellschaft wie Fische im Wasser. In den asozialen Medien feuern sie sich gegenseitig an, bestärken
sich und gewinnen weitere Anhänger. Befeuert werden sie von den vergifteten und
demokratiezersetzenden Aktivitäten der AfD und anderer rechtspopulistischer Strömungen.
Die damalige AfD-Fraktionschefin Alice Weidel äußerte sich im Bundestag im Mai 2018 zur
Einwanderungspolitik der Bundesregierung: „Burkas, Kopftuchmädchen und alimentierte
Messermänner und sonstige Taugenichts werden unseren Wohlstand, das Wirtschaftswachstum und
vor allem den Sozialstaat nicht sichern“.
Während die einen also sprachlich die Lunte legen, schreiten die anderen zur Tat. Wenn wir gleich losgehen, die 30 Stolpersteine zu putzen, um der im „Nationalsozialismus“
verschleppten und ermordeten Gröpelinger:innen zu gedenken, dann kann dieses Gedenken erst
dann wirksam werden, wenn wir heute, in der Gegenwart, mitwirken gegen die rassistischen
Strukturen in unserer Gesellschaft.
Struktureller Rassismus benötigt strukturelle Antworten und die finden wir ganz nah, in unserem
Stadtteil, in den Themen, die wir täglich bewegen.
Zum Beispiel: Wir benötigen mehr Mittel und Methoden für eine wirkungsvolle politische Bildung, die junge Leute
zu Wort kommen lässt und Konflikte nicht wegmoderiert, sondern bearbeitet. Nur wenn junge Leute
nicht ein permanentes Gefühl von Ohnmacht entwickeln, sondern Gestaltungsmacht gewinnen,
können sie sich hate speech und Alltagsrassismus entgegenstellen.
Viel aktiver und mutiger müssen wir in der Kinder- und Jugendarbeit die Diskussionen um Rassismus
und Antisemitismus führen. Beides ist allgegenwärtig – auch unter jungen Menschen. In einem
internationalen Stadtteil wie Gröpelingen werden zudem weltpolitische Konflikte schnell zu Erklär-
Hülsen für diejenigen, die sich häufig machtlos und ausgeliefert fühlen. Die Konflikte in Palästina, in
Kurdistan, in Syrien sind für viele in Gröpelingen verbunden mit traumatischen Erfahrungen in der
eigenen Familie. Das kann auch ein Nährboden für rassistische und antisemitische Einstellungen
werden.
Aber machen wir uns nichts vor: Rechtspopulistische und neofaschistische Strukturen sind die
eigentlichen Brandherde einer zunehmenden Vergiftung öffentlicher Diskurse und steigender
rassistisch motivierter Gewalt. Die Bundeszentrale für Politische Bildung schätzt, dass 90% der a
ntisemitischen Übergriffe gegen Juden und Jüdinnen oder vermeintliche Juden und Jüdinnen von
(fast immer männlichen) Rechtsterroristen ausgeht. Wir brauchen deshalb nicht nur entschiedene Maßnahmen gegen Rechts, sondern auch im Vorfeld
Veränderungen im System, damit beispielsweise Kinder mit Migrationsgeschichte nicht mehr wie seit
Jahren im Schulsystem systematisch benachteiligt sind. Wann hört es endlich auf, dass Jugendliche mit schwarzen Haaren und dunklen Augen gefragt
werden, wo sie denn herkämen? Und wenn sie Gröpelingen antworten, die Nachfrage kassieren, wo
sie denn ursprünglich herkämen. Wir benötigen eine entschieden andere Sozial- und Stadtentwicklungspolitik. Und mehr Prävention
auf allen Ebenen, zum Beispiel auch mehr Drogenpräventionsarbeit, damit nicht weiterhin junge aus
dem Maghreb oder dem westlichen Afrika geflüchtete Jugendliche ihre Zukunft als Kleindealer in
Gröpelingen verspielen. Das ist der Sinn von Erinnerungsarbeit. Unser gesellschaftliches System heute zu ändern. Denn
strukturelle Probleme brauchen strukturelle Antworten. Wenn wir jetzt losgehen, an den 30 Stolpersteinen Kerzen entzünden, vielleicht Blumen niederlegen
und die kleinen Gedenksteine sorgsam säubern, dann bitten wir Sie und Euch das Gespräch zu
suchen, mit Passant:innen, mit Nachbar:innn, mit denen, die durch den Abend streifen ins Gespräch
zu kommen und zu erzählen, um was es geht: Um unser gemeinsames Zusammenleben, um
solidarische Nachbarschaften, um die Stärkung des Zusammenhalts, um Ideen, wie Gröpelingen das
große Versprechen auch einlösen kann, das als Schild am Ohlenhofplatz hängt: Stadtteil ohne
Rassismus. Erinnern wir uns heute am 9. November … für die Gegenwart.

Gesang der Toten

12. September 2021

Im Juli ist Esther Bejarano gestorben und jetzt Mikis Theodorakis. Mich trifft der Tod dieses Mannes so schwer, dass mir die Worte fehlen, meinen Schmerz zu beschreiben. Er war für mich die Stimme all der Gerechten, die im Widerstand gegen den Faschismus für das Gute im Menschen gekämpft und gelitten haben, und wenn ich die Augen schließe höre ich aus abertausenden von Gräbern einen Choral zu Ehren von Mikis Theodorakis. Ich höre Lieder wie das von Ernst Busch gesungene unsterbliche „Spaniens Himmel breitet seine Sterne, übrer unsere Schützengräben aus“ aus dem spanischen Bürgerkrieg, oder das nicht weniger unsterbliche „Ciao, bella, ciao“ der italienischen Partisanen, das ebenso zum Volkslied geworden ist, wie die von Theodorakis komponierte Melodie für den Sirtaki in dem Film „Alexis Sorbas“, dargestellt und getanzt von dem unvergleichlichen Anthony Quinn. Drei Tage Staatstrauer hat die griechische Regierung verhängt – und mit den Griechen verneige auch ich mich in aller Einsamkeit vor Mikis Theodorakis.
Kurt Nelhiebel, Bremen.

Esther Bejarano verstorben !

10. Juli 2021

Die VVN-BdA Bremen trauert um Esther Bejarano *15.12.1924 +10.07.2021
Wir werden unsere „Ehren-Präsidentin“, der VVN-BdA, in ewiger Erinnerung behalten und uns bemühen, ihren Kampf gegen den Antisemitismus und gegen Rechts auch in ihrem Namen weiterzuführen.
Unser Anteilnahme gilt ihrer Familie und ihren Freunden.

http://www.vvn-bda.de/

Pressemitteilung

25. März 2021

VVN-BdA Bremen fordert Stopp der Planungen für den sog. „Russenfriedhof“

Erklärung der VVN-BdA Bremen zur geplanten Bebauung des als „Russenfriedhof“ bekannten Geländes in Bremen-Oslebshausen

Die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA) Bremen dankt den Verfassern für die umfangreiche und sorgfältige Recherche zu der Möglichkeit, dass sich auf dem Gelände des sogenannten „Russenfriedhofs“ in Oslebshausen noch sterbliche Überreste von dort beerdigten sowjetischen Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern befinden.

Aus Sicht der VVN-BdA kommt die beabsichtigte Überbauung des Geländes nur in Betracht, wenn sichergestellt ist, das dort keine sterblichen Überreste von Menschen mehr vorhanden sind und dass die Regelungen des Kriegsgräberabkommens mit der Russischen Föderation von 1992 eingehalten werden. Die festgestellte Differenz zwischen den Totenzahlen am Begräbnisort „Russenfriedhof“ und den Zahlen der nach dem Krieg dort exhumierten und auf dem Osterholzer Friedhof beerdigten Toten ist kein sicherer Hinweis auf weitere dort verbliebene Tote. Es kann aber ebenso wenig ausge­schlossen werden, dass von der Nachkriegsexhumierung sämtliche Überreste der dort unter dem Naziregime verscharrten Menschen erfasst worden sind. Eine ebenso gründliche wie zeitnahe Über­prüfung ist deshalb geboten. Bis zu deren Abschluss sind alle Planungen zu unterlassen. Wir begrüßen es, dass die Landesarchäologin mit den Recherchen begonnen hat und gehen davon aus, dass die entsprechenden Gedenkstätten und das Staatsarchiv ihre Expertise zur Verfügung stellen.

Des Weiteren hält die VVN-BdA Bremen es für erforderlich sicherzustellen, dass der Zugang zu der zum Gedenken an die Toten errichtete Stätte dauerhaft frei bleibt. Es ist den Gedenkenden, die auch aus den Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion anreisen, nicht zuzumuten sich vor dem Besuch der Stätte die Erlaubnis eines Unternehmens einzuholen.

Wir halten es zudem für angebracht, Hinweisschilder auf den Gedenkort anzubringen. Diese müssten in der Riedemannstraße und „Beim Industriehafen“ stehen.

Für den Landesvorstand
Marion Bonk
(stv. Landesvorsitzende)

Weitere Informationen sind zu finden unter: Bremer Friedensforum

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