Startseite

  • „Russenlager“ und Zwangsarbeit Mit eindrücklichen Porträtfotos und Informationstafeln wies die kleine und kompakte Ausstellung „>Russenlager< und Zwangsarbeit“ auf das Schicksal sowjetischer Kriegsgefangenen während und nach dem 2. Weltkrieg hin. Diese waren Opfer einer für damalige BeobachterInnen klar erkennbaren Ausbeutungs- und Vernichtungsstrategie. Einer Strategie, die auf maximaler Auspressung der Arbeitskraft durch die deutschen Unternehmen und auf minimalen Kosten zur Unterbringung und Versorgung der Arbeitskräfte basierte. Gleichzeitig wurden diese Menschen einer verschärften Repression durch ihre Bewacher unterworfen, was häufig ihren Tod bedeutete. Selbst nach der Befreiung waren die ehemaligen Kriegsgefangenen im unterschiedlichen Ausmaß Ziel diesmal sowjetischer Repression. All dies dokumentiert die Ausstellung soweit möglich mittels der Aussagen überlebender sowjetischer Kriegsgefangener. Zu sehen war die Ausstellung vom 18. September bis 18. Oktober im Gustav-Heinemann-Bürgerhaus. Der Bremer Freundeskreis des Vereins Kontakte-KOHTAKTbI ermöglichte ein in jeder Hinsicht reichhaltiges Begleitprogramm, für das die Besucher fast immer mit vollbesetzten Stuhlreihen dankten. In der Auftaktveranstaltung wies Schirmherr Jens Böhrnsen auf das Schicksal der 6 Millionen Kriegsgefangenen hin, von denen mindestens 3 Millionen durch Hunger, Krankheiten und Maßnahmen der Bewacher und Vorgesetzten ermordet wurden. Von Grambke bis Rekum reichten die Lager in Bremen-Nord, in denen die sowjetischen Kriegsgefangenen vegetieren mussten. Böhrnsen wies ebenso auf die 2. Schuld des Verdrängens und Ignorierens, wie auf die des Erinnerns und Gedenkens in der späten Bundesrepublik hin. Die Ausstellung wolle auch und vor allem eine „Herzenserinnerung“ bei ihren BesucherInnen schaffen…
  • 19 neue Stolpersteine in Bremen Am 20. September 2018 verlegte Gunter Demnig in Bremen wieder Stolpersteine. Diesmal nicht nur für ermordete jüdische Mitbürger, sondern auch für Euthanasieopfer, Bibelforscher/Zeugen Jehovas und politisch Verfolgte. Die Verlegung begann im Beisein von Angehörigen an der Bürgermeister-Smidt-Straße 126 mit einem Stein für das Euthanasieopfer Walther Rost. Er wurde, wie auch die anderen Euthanasieopfer in Meseritz ermordet. Dann ging es weiter zur Bürgermeister-Deichmann-Straße 61/65, früher Wartburgstraße 31/33, wo Steine für jüdische Mitbürger, je drei Stolpersteine für die Familien Levy und Cohen, zwei für das Ehepaar Obermeier und einer für Adolf Bothmann, verlegt wurden. Der nächste Verlegeort war der Steffensweg 74, wo jetzt zwei Steine an das jüdische Ehepaar Knisbacher erinnern. In der Zwinglistraße 51 wird mit einem Stolperstein an Helmut Sengespeick, ein weiteres Euthanasieopfer, gedacht. Für Hans Mendelsohn verlegte Gunter am Waller Ring 138 einen Stein. Das nächste Euthanasieopfer, Gesine de Carné, bekam ihren Stolperstein in der Langeooger Straße 45. Hier wurden wir von der jetzigen Besitzerin des Hauses herzlichst mit Kaffee, Tee und kalten Getränken empfangen. An Johannes Lücke, Reichsbannermann, am 01.03.1933 von der SA niedergeschossen und so schwer verletzt, dass er noch in der Nacht starb, erinnert in der Gröpelinger Heerstraße 76 ein Stein. Dann war es erstmal Zeit für eine Mittagspause, die wir im Wilden Westen machten. Danach ging es im Breitenbachhof 6 weiter wo im Beisein von Angehörigen die Verlegung für den Zeugen Jehovas, Karl Klappan, stattfand. In der Humannstraße 33 erinnert nun ein Stein an den Kommunisten Eduard Ickert. Bei der Verlegung war seine Urenkelin anwesend. Für weitere Euthanasieopfer, Ernst Döhren, wird in der Heidbergstraße 111 und Margarethe Müller, in der Oslebshauser Heerstraße 1 gedacht. An jedem Verlegeort wurden zu den dort gedachten Menschen, kurze Biografien vorgetragen. Bärbel Ebeling begleitete, wie schon so oft, die ganze Verlegung mit Musik. Es war wieder ein sehr ergreifender der Tag mit vielen neuen Informationen und Austausch mit den Angehörigen. Auszug BAF 12.18/01.19
  • Nichts im Sinn mit Sozialem Gut besucht mit 70 Interessierten war eine Veranstaltung des Waller Bündnisses „AfD nirgendwo“ am 28. August im Kultur- und Jugendzentrum Walle. Andreas Speit referierte sehr anschaulich zum Treiben der Blaubraunen in den Parlamenten. Sehr deutlich wurde in seinem Vortrag, dass sie an parlamentarischer Arbeit völlig uninteressiert sind, dafür die Gelder für den Aufbau eines Mitarbeiterstamms und die Parlamente als Tribüne für ihre rechtspopulistischen Ausfälle nutzen. Finanziert werden sie von mittelständischen Interessenten, deren Gewinne allerdings in Millionenhöhe zu veranschlagen sind. … Die beiden weiblichen Gallionsfiguren Weidel und Storch vereint der biologische Lebensschutz und das deutsche Reinheitsgebot. Gauland und Höcke sind nicht weit voneinander entfernt und Meuthen gibt sich auch nur an der Oberfläche moderat. Immer deutlicher wird ein neoliberales und isolationistisches Konzept, das unser Land von Eliten regiert wissen will, … Der Wahrheitsgehalt ihrer Nachrichten gleicht Spurenelementen. Pegida entwickelt sich mehr und mehr zur Massenorganisation der AfD. Die Vorstellung mancher Konservativer, die AfD wirksam rechts überholen, ihren Einfluss kappen zu können, beschleunigt nur ihren Aufstieg. … Auszug BAF 10./11.2018
  • Nützliche Idioten im Namen des Volkes … Beunruhigt vom Rüstungswettlauf besuchte Els de Groen 1984 die Sowjetunion. Sie schrieb Bücher über Atomkraft und Radioaktivität. Gemeinsam mit dem russischen Autoren Eduard Uspenski gewann sie 1989 den Arkadi-Gaidar-Preis. Aus Sorge über die Lage in Ost-Europa, über die Korruption mit EU-Geldern und die Lage der Roma kontaktierte sie 2002 das Europäische Parlament. 2004-2009 saß sie dort als niederländische Abgeordnete von Europa Transparant in der Gruppe der Europäischen Grünen, setzte sich intensiv ein für die Interessen und kulturelle Identität der Roma. … Insgesamt hat de Groen 50 Bücher publiziert, Romane, Kinderbücher, Poesie und Sachliteratur. Ihr Werk ist in 13 Sprachen übersetzt, mit einer Auflage von 1,7 Millionen. Unter dem Titel „Nützliche Idioten - Im Namen des Volkes“ erscheint jetzt ihr Buch zur Frankfurter Buchmesse in deutscher Sprache und um 40 Bilder erweitert, … Die Lesung am 10.10. erfolgt zeitgleich mit dem Erscheinen des Buches auf der Frankfurter Buchmesse. … Auszug BAF 10./11.2018
  • Bergen Belsen Besuch An einem mildsommerlichen 05. August fuhren wir zu elft zur KZ-Gedenkstätte Bergen-Belsen. Wir wollten die Ausstellung „Kinder im KZ“ sehen und den Gedenkstein für Anne und Margot Frank, nach Möglichkeit natürlich auch den sowjetischen Kriegsgefangenenfriedhof. … Um dieser beklemmenden Atmosphäre zu entkommen, um die Gedanken die Zeitzeugnisse mit bereits bekannten Fakten zusammenzubringen, bietet ein Gang über die Gedenkstätte einen Aufschub. … die Dauerausstellung nächster Punkt. Erschütternd die Bilder der Berge von Umgekommenen, hastig mit Baumaschinen in ausgehobene Gruben geschoben und zugedeckt. Die Baracken wurden verbrannt, es herrschte Typhusgefahr. … Jahrzehnte dauerte es, bis der vieltausendfache Mord an sowjetischen Soldaten einem würdigeren Gedenken wich. Unter veränderten Bedingungen wächst heute wieder ein neues Feindbild heran, dem es mit viel Aufklärung und Begegnungsarbeit entgegenzuwirken gilt. Auszug BAF 10./11.2018
  • Sommerfest in Heideruh Wie jedes Jahr fand am letzten Samstag im Juli das alt bewährte Sommerfest in Heideruh statt. … Es waren wieder viele Infostände befreundeter Organisationen vor Ort und man konnte sich gut informieren. Das Kuchenbüffet platzte wie jedes Jahr wieder aus den Nähten, es wurde für jeden Geschmack etwas angeboten. Die Grenzgänger sorgten schon vor ihrem abendlichen Konzert den ganzen Nachmittag mit musikalischen Einlagen aus ihren verschiedenen Programmen für gute Unterhaltung. … den Vortrag von Rolf Becker und Ingo Werth (Resqship e.V.) zum Thema „Seenotrettung auf dem Mittelmeer“ anzuhören. Ingo berichtete, mit welchen Schwierigkeiten und Repressalien die Besatzungen der Rettungsschiffe zu kämpfen haben. Auch schilderte er eindrücklich, z.T. mit Bildern belegt, in welch schrecklichem Zustand die Geflüchteten sind, wenn sie an Bord der Rettungsschiffe kommen. … Die Grenzgänger stellten Ausschnitte ihres neuen Programms und die CD „Die wilden Lieder des jungen Marx“ vor. Eine gelungene Mischung aus Liedertexten von Karl Marx aus seiner Studentenzeit in Bonn. Auch diesmal gelang es den Grenzgängern wieder das Publikum mit ihrem wirklich tollen Programm in ihren Bann zu ziehen. … Erschienen ist die CD im Müller-Lüdenscheidt-Verlag unter der Nummer 4250137277233 und kostet 15 ,00 Euro Auszug BAF 10./11.2018
  • Nachruf auf Ludwig Baumann ... Der hochbetagte Vorsitzende der Bundesvereinigung der Opfer der NS-Militärjustiz e.V. ist seit 1990 Herz, Motor und Stimme der Opfervereinigung gewesen. Sein unermüdliches Engagement hat zur gesellschaftlichen Anerkennung und gesetzlichen Rehabilitierung der Kriegsdienstverweigerer, Wehrkraftzersetzer und Deserteure der Wehrmacht geführt. Sein authentisches Wirken, sein Einsatz für Gerechtigkeit, Frieden und Gewaltfreiheit ist ein wichtiger Impuls für die zivilgesellschaftliche Entwicklung gewesen. Ludwig Baumann wird uns und geschichtsbewussten, kritischen Teilen der bundesdeutschen Gesellschaft, die ihm für sein Lebenswerk sehr dankbar sind, in lebendiger Erinnerung bleiben. … seine authentischen, lebendigen Vorträge können als Fundament dieser zivilgesellschaftlich-lebensfreundlichen Entwicklung gesehen werden. Diese gilt es unumkehrbar zu machen, dafür bleibt auch weiterhin viel zu tun. Sein autobiographisches Buch, NIEMALS GEGEN DAS GEWISSEN, das 2014 im Herder-Verlag (Freiburg) erschienen ist, regt dazu an und trägt dazu bei. Auszug BAF 10./11.2018
  • Joseph Rossaint Erinnerungen Wir sind im Osten von Alt-Oberhausen im Ruhrgebiet, also im Marien- und Knappenviertel. Es ist schmuddelig hier. Arbeitslosigkeit, Überalterung, Wohnungsleerstände, Kirchenschließungen machen die Zukunft zur Sackgasse. Das nahe Centro, die „Neue Mitte“, belebt diese Gegend nicht. Früher war das anders. Die solide Belegschaft einer Zeche und eines großen Eisenhüttenwerks trug eine prosperierende Mittelschicht. Die Unternehmen, die Gewerkschaften, aber auch die Katholische Arbeiterbewegung waren stark und am Puls der Zeit. Der Saal von „Haus Union“ war zwischen den Kriegen legendärer Versammlungsort. Noch in den 80ern war diese Gastwirtschaft stolz auf jene Vergangenheit. Eine ganze Pinnwand war voll mit Zeitungsartikeln, Manifestationen und Fotos aus dieser Zeit. Mehrfach zeigten sie einen jungen Mann: Dr. Joseph Rossaint, Kaplan in St. Marien von 1927 bis 1932. Als wir uns vor fünf Jahren nach der Beerdigung meiner Mutter dort zum Kaffee trafen, war von all dem nichts mehr zu sehen. Der neue Pächter der „Union“ wusste gar nicht, wovon ich rede, als ich ihn darauf ansprach. Meine Mutter kannte Kaplan Rossaint als Kind. Meine Großtante soll als Backfisch von ihm geschwärmt haben. Hinter St. Marien gab es den Graf-Haeseler-Platz (heute John-Lennon-Platz). Dort war früher ein einfaches Fußballfeld, auf dem ich als Kind gekickt habe. Rossaint hat es mit arbeitslosen jungen Männern während der Weltwirtschaftskrise angelegt 1.Prozess und Vorgeschichte Warum erzähle ich das? Vor 75 Jahren, am 28.April 1937, wurde vor dem Volksgerichtshof in Berlin das Urteil im so genannten „Katholikenprozess“ verkündet. Hauptangeklagter war Dr. Rossaint, mitangeklagt einige Führungskräfte aus Katholischen Jugendverbänden, vor allem der Sturmschar (Franz Steber), die zum Teil, wie er selbst, auch im Friedensbund Deutscher Katholiken aktiv waren. Folgt man der gleichgeschalteten Presse, sollte der Prozess - Bestrebungen für eine „katholisch-kommunistische Einheitsfront“ 2. aufdecken, - christlich motivierte Friedensarbeit in der Kirche als staatsfeindlich denunzieren, - eine scharfe Trennlinie zwischen Seelsorge und politischer Betätigung markieren. Sie feierte die 11 Jahre Zuchthaus für den „Sowjetapostel“ und „geistlichen Hochverräter“ als Schlag gegen die „Katholisch-Kommunistische Einheitsfront“ 3. So auch das Urteil. Es konzentriert sich auf die Zusammenarbeit mit Kommunisten, nicht auf die christliche Motivation des Widerstandes selbst, und versucht den Menschen Rossaint zu diskreditieren, bis hin – aus heutiger Sicht besonders infam – zu Andeutungen auf sexuellen Missbrauch: „… ein links eingestellter … und zugleich moralisch tiefstehender Mensch, … weil er als Geistlicher und Jugenderzieher ohne Hemmungen seinen widernatürlichen Trieben nachging“ 4. Kaplan Rossaint hat schon vor 1933 Jugendliche für Gerechtigkeit, Frieden und Völkerverständigung und gegen Arbeitslosigkeit, Wehrpflicht und den aufkommenden Nationalsozialismus mobilisiert. Er sieht früh die Verbindung zwischen Militarismus, Nazismus und Wirtschaft 5. Er sucht Verbündete für seine Arbeit bis in den Kommunistischen Jugendverband Deutschlands hinein. „Es wird dunkler im Saal“ soll man dort, auf seine Soutane anspielend, gerufen haben, aber Rossaint lässt sich nicht beirren. Er selbst versucht, in Oberhausen den linken Flügel des Zentrum zu stärken; nach der Zustimmung dieser Partei zum Ermächtigungsgesetz tritt er aus. Er setzt sich für eine Versöhnung mit Polen ein und wird deswegen vom Polizeipräsidenten verwarnt. In den Düsseldorfer Jahren bis zu seiner Verhaftung Anfang 1936 hilft er mehreren Kommunisten, einfach weil sie die ersten Opfer nazistischer Verfolgung und Gewalt waren. Ein Beispiel ist Berta Karg, eine kommunistische Jugendfunktionärin, die ständig auf der Flucht und dem Verhungern nahe war, und die er durchzubringen versucht. Er gehört zu den Wenigen, die sich öffentlich gegen den Boykott der jüdischen Bevölkerung wenden. Der Mensch Joseph Rossaint Ich habe Ewald Weber, später Inhaber eines Geschäfts für Damenmoden in Oberhausen, bei der Feier zum 100. Geburtstag von Kaplan Rossaint noch kennen gelernt – einen von seinen Sturmschar-Leuten. Schmunzelnd bestätigt er die kolportierte Geschichte, er habe als Schneiderlehrling die (!) Hose von Rossaint geflickt; und der musste darauf warten, bevor er sich wieder zeigen konnte. Joseph Rossaint half, wo er konnte, mit Schlafplätzen, Essen, Kleidung, Geld, - was auch immer nötig war. Herkunft und Werdegang erklären diese Lebensweise nicht. Die Familie ist nicht proletarisch, der Vater Straßenmeister, ermöglicht ihm Gymnasium und Theologiestudium. Sein Promotionsthema „Das Erhabene und die neuere Ästhetik“ ist nicht das eines frühen „politischen Theologen“. Er leitet sein Verhalten einfach aus seiner christlichen Weltanschauung und der Betrachtung der Realität ab. „Die Lebensgesetze des Christentums … sind Opfer und Bruderliebe. Darüber geredet habe ich nicht zuerst. … Ich habe versucht, aus dieser Haltung die Konsequenzen zu ziehen.“ 6. Prägend ist seine Herkunft aus dem deutsch-belgischen Grenzgebiet. Er sieht 1914 die Truppen Belgien überfallen, verwundet zurückkehren, seine Heimat dann an Belgien fallen – die Familie setzt auf Deutschland, verliert ihr Haus, muss umziehen. Zeitlebens bekämpft er den Krieg, denn – ganz nüchtern – seine „Folgen … sind so gewaltig und furchtbar für Sieger und Besiegte, daß sie in keinem Vergleich zu dem Gut stehen, das durch den Krieg geschützt wird“ 7.Nach dem Krieg Joseph Rossaint überlebt den Krieg, weil er im letzten Moment durch Gefängnispersonal versteckt wird, als die SS im April 1945 politische Gefangene umbringt. Noch am Tag seiner Befreiung fängt er an, Hilfe für ehemalige Gefangene zu organisieren. Er wird Publizist und Politiker. Ein ganz neues, anderes Leben, aber tief geprägt von seinen Erfahrungen. Und wieder ist er konsequent: 1946 gründet er den „Bund Christlicher Sozialisten“ und kämpft gegen die früh erkannte Restauration, bis der Bund von der Adenauer-CDU an die Seite gedrückt wird. 1947 findet er seinen politischen Ort in der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN), ab 1961 in dessen Präsidium und ab 1971 bis 1990 als Präsident des VVN/BA (Bund der Antifaschisten). In der „Internationalen Föderation der Widerstandskämpfer“ (FIR) ist er führend tätig und im Ausland geschätzt und anerkannt. Und wieder wird er verfolgt. Die VVN wird von der Adenauer-Regierung bekämpft; der Verbotsprozess 1962 scheitert, weil der Vorsitzende Richter als ehemaliger Nazi entlarvt wird. Die Geschichte wiederholt sich: Rossaint wird jahrelang vom NRW-Innenminister geheimdienstlich überwacht, denn VVN und FIR seien kommunistisch gelenkt. Dazu Rossaint: „Als Christ darf ich zwar mit Atheisten auf Christen schießen, aber nicht mit Atheisten zusammen für den Frieden kämpfen. Das ist doch ausgemachter Blödsinn.“ 8. Sein individuelles Lebenskonzept macht es ihm schwer, sich in der Parteienlandschaft zu beheimaten. Früh kandidiert er, wie auch der spätere Bundespräsident Gustav Heinemann, für die Gesamtdeutsche Volkspartei, später für die Deutsche Friedens-Union. Er wird in kommunistischen Staaten, auch in der DDR, geehrt; in der BRD erst in den 80ern. 1989 erhält er den Aachener Friedenspreis. 9.Rossaint und die Kirche Joseph Rossaint war kein bequemer Priester. Schon die Versetzung von Oberhausen nach Düsseldorf 1932 könnte Folge seiner lokal erfolgreichen „linken“ Zentrumsarbeit gewesen sein. Im Prozess leugnet er nicht seinen christlich motivierten Einsatz für Kommunisten und bringt die Bischöfe in die Zwickmühle, „sich entweder, trotz ihrer eigenen antikommunistischen Haltung, hinter Rossaint zu stellen, oder ihn fallen zu lassen“9. Sie ließen ihn fallen. „Niemand aus der Hierarchie des Erzbistums Köln setzte sich für ihn ein“, wohl für zwei Mitangeklagte. 10. Selbst der Katholische Jungmänner-Verband musste sich von seinem ehemaligen Vordenker distanzieren. Einzig im Ausland und von einzelnen mutigen Katholiken in Oberhausen (Martin Heix) wurde sein Zeugnis damals gewürdigt. Der deutsche Episkopat lehnte seinen prinzipiellen Widerstand gegen das NS-Regime, seine Friedensarbeit und jede christlich motivierte Zusammenarbeit mit Kommunisten ab: „Der Führer und Reichskanzler Adolf Hitler hat den Anmarsch des Bolschewismus von weitem gesichtet und sein Sinnen und Sorgen darauf gerichtet, diese ungeheure Gefahr von unserem deutschen Volk und dem gesamten Abendland abzuwehren. Die deutschen Bischöfe halten es für ihre Pflicht, das Oberhaupt des Deutschen Reiches in diesem Abwehrkampf mit allen Mitteln zu unterstützen, die ihnen aus dem Heiligtum zur Verfügung stehen“ 11. Wer so redet, hat für Rossaints radikales Verständnis christlichen Verhaltens nur das Wort „Dummheiten“ (so der Prozessvertreter des Kölner Kardinals Schulte) übrig 12. Das Unglaubliche ist jedoch: Auch nach dem Krieg bis zu seinem Tod 1991 wird Rossaints Widerstand kirchlicherseits offiziell nicht wahrgenommen. Er möchte in die priesterliche Tätigkeit zurück, und Erzbischof Frings bietet ihm eine Pfarrstelle an – unter der Bedingung, sich nicht mehr politisch zu betätigen und die Beziehung zu den Überlebenden aus seiner Haft, mehrheitlich Kommunisten, abzubrechen. Er konnte diese Bedingungen nicht akzeptieren. Er bleibt Priester – ohne Amt. Das im Kirchenmilieu erscheinende (nicht das allgemein-historische) Schrifttum, das sich mit der katholischen Kirche im Dritten Reich auseinandersetzt, verschweigt ihn weitgehend 13. Das wundert nicht bei Veröffentlichungen, die der Amtskirche nahestehen 14, aber selbst ausgewogene oder kritische Schriften erwähnen ihn im Zusammenhang mit Widerstand im Nazistaat nicht 15. – wohl Blutzeugen wie Metzger, führend im Friedensbund wie er, oder Delp und Letterhaus, auch Franz Steber, seinen Mitangeklagten, aber eben nicht ihn. Pax Christi blieb ihm durch Grußworte solidarisch verbunden. Hier und da liest man, es sei kurz vor seinem Tode zu einer „Versöhnung“ mit der Kirchenleitung in Gestalt des Kölner Erzbischofs gekommen 16. Im Begleitbrief zum Tode Rossaints 17. würdigt der Kölner Weihbischof Frotz, nach Jahrzehnten der Distanzierung, die Gewissensentscheidung des „Mitbruders“ Rossaint, nicht ohne zu erwähnen, dass er seinerzeit die von seinem Erzbischof angemahnte „Besonnenheit“ durch „leidenschaftliche Sorge“ ersetzt habe – aber immerhin spricht er den politischen Konflikt an. Der gern zitierte Brief von Joachim Kardinal Meisner vom Vortag des Todes grüßt ihn „in der Gemeinschaft unseres Priestertums“ 18. nicht aber als konsequenten Zeugen in der Nachfolge des Handelns Jesu. „Versöhnung“ mit dem, wofür Joseph Rossaint stand, geht anders. „Wo wart ihr alle, damals?“ Dieses Zeugnis eines christlichen Lebens im Deutschland des 20. Jahrhunderts ist unbequem, steht verquer, eckt an. Inzwischen ist mancherlei reflektiert und geschrieben worden über die Rolle der Katholischen Kirche vor, während und unmittelbar nach dem Krieg. Da wird, nach ausführlichem Verweis auf „Mit brennender Sorge“ (Enzyklika von Papst Pius XI. 1936) und auf den „Löwen von Münster“ (Kardinal von Galen), die Einseitigkeit des einen oder anderen Bischofs eingeräumt, da wird bedauert, die Kirche habe mehr für ihre Strukturen als für ihre Botschaft gekämpft, und da werden verschämt die wenigen Blutzeugen geehrt, deren Opfer man quasi stellvertretend für die Kirche in Anspruch nimmt. Aber dieser eine Priester ist wegen seines Glaubenseinen politischen Weg gegangen, ganz früh schon, aber auch nach dem Krieg, der die selbstgewählte Position dieser Kirche in der deutschen Gesellschaft in Frage stellt. Die Kirche spürt, dass die von ihr geforderte Haltung eigentlich ganz einfach, und doch außerordentlich schwer ist. Der 83jährige Rossaint hat es auf seine klare, nüchterne Art so ausgedrückt: „Viele gewannen den Eindruck, daß die Kirchen sich mehr durch ihre Feinde, als durch die Menschen, die ihren Beistand brauchten,bestimmen ließen.“ 19. Als ich – Jahrgang 1946 – 14 oder 15 war, habe ich in der Schülerzeitung einmal einen provokanten Artikel geschrieben: Wo wart Ihr alle, damals, Ihr Lehrer, Eltern, Richter, Industriellen und so weiter? Wart Ihr alle „keine“ …? Ein Lehrer hat sich dem Thema in der nächsten Nummer gestellt und mit mir auf Augenhöhe gestritten. Eine seiner Fragen war (er wusste von meinem kirchlichen Engagement): Und die Pfarrer? Die hast Du wohl vergessen bei Deiner Aufzählung? Hatte ich. Für mich war die Kirche scheinbar abgeschirmt durch diese Zeit gegangen. Erst später hörte ich mehr und verstand tiefer. Von ihm, Kaplan Joseph Rossaint, 30 Jahre zuvor ganz in der Nähe, hat mir damals keiner erzählt, weder in der Pfarrei, noch in der Jugendbewegung, noch in der Schule. Joseph Rossaint: Der Verfolgte von Jochen Windheuser (erschienen in: Publik-Forum, 20.04.2012)
  • Der Schützenhof in Gröpelingen ein vielschichtiges Beispiel aus dem Konglomerat der Lager der Bremer Rüstungsindustrie …Gleichzeitig sind diese kleinen Lager weniger bekannt, oftmals wurden sie schon bald nach 1945 überbaut. Allerdings muss ich als Bremer Landesarchäologin auch feststellen, dass während meiner 10jährigen Amtszeit schon Flächen ehemaliger Zwangsarbeiterlager zur Bebauung freigegeben wurden. Dies ist allerdings dem Umstand geschuldet, dass die Landesarchäologie zum einen zu wenig Kenntnis von der Lage all dieser Lager besitzt, zum anderen aber auch zu wenig Personal und Finanzmittel für eine vorbereitende Recherche zur Verfügung hat. Deshalb müssen die wenigen Spuren dieser ehemaligen Lagerstandorte als archäologische Bodendenkmale unter Denkmalschutz gestellt, aber auch vor modernen Baumaßnahmen durch Ausgrabungen untersucht werden... Für die Vermittlung mit der archäologischen Untersuchung auf dem Gelände des ehemaligen Außenlagers „Schützenhof“ in Gröpelingen rückt eines der bislang von der Forschung nur selten berücksichtigen Außenlager des Konzentrationslagers Neuengamme in den Blick und dies an einem originalen Schaupatz. Eine Ausgrabung an einem Zwangsarbeiterlager ist keine alltägliche Aufgabe der Landesarchäologie, bei dieser Untersuchung gab es keinen vom Bauherrn und Baumaschinen vorgegebenen Zeitdruck, sondern es handelt sich hierbei um eine Untersuchung gegen das Vergessen und für eine Erweiterung der Erinnerungskultur im Stadtteil Gröpelingen… Dieses Lagergelände ist nur wenig bekannt, obwohl hier noch vier Baracken des Lagers von Ende 1944 stehen, an denen sich noch zahlreiche Spuren des ehemaligen Aussehens erhalten haben. Bei den noch stehenden Gebäuden handelt sich um eingeschossige und nicht unterkellerte Baracken mit einem flach geneigten Satteldach, die sich alle auch in den heutigen Luftbildern von Google etc. erkennen lassen. Ferner gibt es eine große Freifläche, die zum einen als Parkplatz der Schützengilde benutzt wird und die zum anderen mit Gras bewachsen ist… Es gab in den wenigen Monaten des Bestehens des Barackenlagers 257 Tote aus zahlreichen europäischen Ländern. Die TeilnehmerInnen der Ausgrabung gestalten zu den überraschenden Ergebnissen des Schützenhofgeländes eine Poster- und Fundpräsentation, die sie am Tag des offenen Denkmals den interessierten Besuchern und Besucherinnen im Beisein von Bürgermeister Dr. Carsten Sieling vorstellen. Auszug BAF-Artikel 08./09.18
  • Gedenktag am Denkmal Bahrsplate …Unser leiser Austausch darüber wird aber unterbrochen, als Fahrzeuge heranfahren, und die Belgier aussteigen. „Die Belgier“, das sind Mitglieder des Vereins „Amicale Internationale KZ Neuengamme“, welcher gegründet wurde von Überlebenden und den Angehörigen, und heutzutage nur noch aus den Verbliebenen besteht. Als sie aussteigen, falten sie Flaggen und Banner aus – auf ihnen die Symbole des Vereins, und auch das rote Dreieck – Symbol für politische Gefangene in KZ-System, und getragen von allen der Opfer, denen heute hier gedacht wird. Als die Belgier näher kommen mit ihren eigenen Angehörigen und Freunden, wird ersichtlich, dass eine überraschend gute Stimmung herrscht. Verwundert treten wir näher, und werden mit Begeisterung begrüßt als wir vorgestellt werden als Studenten, die die Veranstaltung im Rahmen eines Seminars aufsuchen und mitschreiben. Unser Interesse wird äußerst positiv aufgenommen, und allseits wird uns beiden mit lächelnden Gesichtern begegnet. Wir kommen ins Gespräch mit einigen, so zum Beispiel Rudi Beeken, dem Bürgermeister der Gemeinde Meensel-Kiezegem, aus welchem neun der auf diesem Denkmal genannten Opfer stammten. Er besucht offenbar oft die Gedenkveranstaltungen, und ist den deutschen Besuchern offenbar bestens bekannt… Im letzten Abschnitt der Tagesreise fährt die Gruppe dann zum Schützenhof in der Bromberger Straße 117. Auch dort ist ein Denkmal, dieses in der Form von zwei Tafeln aus Stahl an der Wand. Erneut folgen Kranzniederlegung und Ansprachen, doch dann folgt eine Besonderheit, welche auch die regelmäßigen Teilnehmer so noch nicht gesehen hatte: Denn dieses Jahr hat eine Gruppe Studenten von der Universität Bremen unter der Leitung von Frau Prof. Dr. Uta Halle von der Landesarchäologie Bremen eine Lehrgrabung auf dem Gelände vollzogen – und ist auf die Fundamente der Baracken des Gefangenenlagers gestoßen. Die Grabungsstelle ist noch offen, und mit großem Interesse wird Johanna und mir zugehört – wir beide waren Teil der Grabungsgruppe und erzählen, was vor uns liegt, und was wir gefunden haben. Prof. Dr. Halle hat mehrere Bilder, wie ein Luftbild von damals, Planzeichnungen, die originale Bauakte von den Baracken, und anderes mitgebracht, und gebannt wird uns dreien zugehört (und dann natürlich direkt übersetzt in die verschiedenen Sprachen). Hiernach wurde noch in den Vereinsräumen des Schützenhofes etwas gegessen, und einige Gespräche über das Vergangene, den Tag, oder die Zukunft geführt. Dann mussten sich die Belgier auf den Weg machen. Was blieb, waren die Eindrücke – Betroffenheit, aber auch neues Wissen, neuer Mut – und die Gewissheit, dass wir so etwas wie Nationalsozialismus nie wieder aufkeimen lassen dürfen. Auszug BAF-Artikel 08./09.18