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Leute machen Kleider

2. November 2017

Nach ihrem großartigen Erstling „Verschwunden in Deutschland“ (vergl. meine Rezension im BAF 2014!) war ich sehr gespannt, als mich vor einigen Monaten die Ankündigung Imke Müller-Hellmanns neuen Werks „Leute machen Kleider Eine Reise durch die globale Textilindustrie“ und dessen Vorstellung im „Kuß Rosa“ (Gaststätte am Buntentorsteinweg in HB) erreichte.
Den Veranstaltungsraum füllten am 28.IX.2017 schätzungsweise hundert Leute. Zur Einführung betonte Imkes Lektor Bernd Henninger, dass es sich bei dem Buch um Literatur, nicht ein Sachbuch handle und dass jedem Kleidungsstück ein Kapitel gewidmet sei. Imke, die an diesem Tag alle im Buch erkundeten Kleidungsstücke trug, las aus der Einleitung und den Kapiteln über das Unterhemd von Tom Tailor und ihre in China hergestellte Jacke. Anschließend bat sie noch zu Speis‘ und Trank und „besonders, mit mir das Tanzbein zu schwingen“.
Als Einleitung nutzt Imke eine Kurzgeschichte von ihr: Bei einem ganz normalen Frühstück zuhause dringen nach und nach alle an der Herstellung der Lebensmittel Beteiligten durch die Wände ein und sie feiern zusammen ein schönes Fest. Daraus entwickelt Imke das Konzept des Buchs, der Herkunft ihrer Lieblings-Kleidungsstücke nachzuforschen: Unterhose, Mütze, Socken, Fließjacke, Jeans, Unterhemd, Top, T-Shirt, Jacke, Schuhe. Jedes Kapitel beginnt mit – teilweise absurden – Auszügen aus schriftlicher und fernmündlicher Korrespondenz mit den jeweiligen Herstellern. Letztere zog sich bis zu Monaten hin. Ihr Haupt-Anliegen war jedes Mal, eine an der Herstellung ihres speziellen Kleidungsstücks beteiligte Person zu interviewen. Neben detaillierter Darstellung mancher Produktionsvorgänge, Fakten zu den Ursprungs-Ländern und einfühlsamer Vorstellung der InterviewpartnerInnen werden ausführlich Reise- und Recherche-Erlebnisse geschildert. Da kommt wohl Imkes frühere Tätigkeit als Reiseleiterin zum Tragen. Was leider fehlt, ist Analyse: Ursachen, Wirkungen, Alternativen. Dank Imkes sehr spezieller, sich auf Menschen einlassender Denk- und Schreibweise finde ich das Buch dennoch sehr lesenswert.
Imke Müller-Hellmann: Leute machen Kleider, Hamburg 2017, 20,00 € ISBN-13: 978-3955101411

Repressalien und Terror – „Vergeltungsaktionen“ im deutsch besetzten Europa 1939-1945

2. November 2017

Kürzlich erschien im Schöningh Verlag Paderborn eine Zusammenstellung von Vorträgen und Forschungsergebnissen zu den Folgen der „Vergeltungsmaßnahmen“ von Wehrmacht und SS im besetzten Europa während des Zweiten Weltkriegs. Dr. Oliver von Wrochem legt darin 16 Beiträge von Historikern vor, die sich seit langem im Rahmen der Gedenkstättenarbeit und historischen Untersuchungen mit dem System von Zwangsarbeit deportierter Widerstandskämpfer und Geiseln aus besetzten Ländern Europas auseinandergesetzt haben. Dabei geht es um Mechanismen zur Aufrechterhaltung der Besatzungsmacht gegen den wachsenden Widerstand im besetzten Europa. Genauer betrachtet werden die Legitimationsstrategien, die Entwicklung des Repressionsapparates in der ersten Kriegshälfte und die Kriegsendverbrechen, ausgehend von der Rathausausstellung im Januar 2015 zu den vergessenen Orten des Terrors und der „Vergeltung“ und den folgenden Foren.
Mit den Repressalien gegen Murat, Meensel-Kiezegem, Putten und Warschau sollten Oliver von Wrochem zufolge „vermeintliche oder tatsächliche Widerstandsakte geahndet und die Bevölkerung in den besetzten Ländern eingeschüchtert werden.“ Sie richteten sich vor allem gegen zumeist unbeteiligte Zivilisten. Wehrmacht, Waffen-SS und SIPO wurden bei ihren tausendfachen Mordtaten durch örtliche Kollaborateure unterstützt. Rassistische Motivation und totale, zügellose Kriegsführung dieses Vernichtungskrieges traf die besetzten slawischen Gebiete Ost- und Südosteuropas ungleich härter als West-und Nordeuropa. In Ost- und Südosteuropa standen die (vorausgegangenen) Widerstandshandlungen selten im Zusammenhang zu den getroffenen „Vergeltungsmaßnahmen“. Im Vordergrund stand der Vernichtungskrieg gegenüber dem jüdischen Bevölkerungsteil, der nationalen Intelligenz und dem „Bolschewismus“ bei Wehrmacht, SS-Einsatzgruppen und zivilen Stellen.
Nur unter Umkehrung der Ursachen konnte die Besatzungsmacht „Vergeltung“ betreiben, wie Habbo Knoch hervorhebt. Moralische Maßstäbe wurden außer Kraft gesetzt, das Feindbild einer aus dem Hinterhalt agierenden dunklen Macht entwickelt und verbreitet. Wurden in der ersten Kriegshälfte im besetzten Nord- und Westeuropa nur vereinzelt Geiseln erschossen, Ortschaften niedergebrannt, Gruppen von Menschen deportiert, ganze Landstriche geplündert und die Felder abgebrannt, so war es in Ost- und Südosteuropa gängige Praxis. „Vergeltungsaktionen“ der Wehrmacht erfolgten ohne vorausgegangene Widerstandsakt. Die zivile Bevölkerung wurde mit dem Widerstand gleichgesetzt, und unter Generalverdacht gestellt. In Serbien wurden Partisanen, Juden, Kommunisten, Roma gleichermaßen als Widerstandpotential angesehen. Die männliche Bevölkerung ganzer Ortschaften wurde erschossen, Frauen und Kinder in Lager verschleppt, die Ortschaft niedergebrannt. Die bereits vorgesehene Bevölkerungsumsiedlung folgte dem Niederbrennen der Ortschaften. Örtliche Stellen und kollaborierende Teile der Bevölkerung wurden bei Vernichtungsaktionen einbezogen, selbst im tschechischen Lidice wie im norwegischen Telavog.
Nach Landung der Alliierten am 6. Juni 1944 in der Normandie richteten sich Aktionen des Widerstandes in starkem Maße auch gegen kollaborierende Kräfte in der eigenen Bevölkerung. In dieser letzten Kriegsphase wurden verstärkt auch Ortschaften in Nord- und Westeuropa von Repressalien und rassistisch motivierten Übergriffen gegen die Zivilbevölkerung getroffen. „Vergeltungsmaßnahmen“ in vergleichbarer Härte, wurden meist durch vorher im Krieg im Osten verrohte militärische Einheiten verübt. Kurz vor dem Abzug wurden noch Tausende in die deutschen KZ verschleppt. Der Widerstand erhielt dadurch starken Zulauf. Die Folgen der Verwüstung der Lebensplanung in den verwüsteten Ortschaften und in den durch Deportation des Familienoberhauptes zerrissenen Familien sind bis heute bei weitem nicht aufgearbeitet. Das ritualisierte Gedenken trägt zur Verlängerung der Opfersituation bei. Die Nichtaufarbeitung der Verquickung von Krieg, Besatzung, rassistischer Gedankenwelt verhindert bislang eine Auseinandersetzung der überlebenden Opfer und ihrer Angehörigen mit der eigenen Rolle. Es verhindert auch die Auseinandersetzung mit der Kollaboration im eigenen Ort.
Oliver von Wrochem (Hg.) Repressalien und Terror – „Vergeltungsaktionen“ im deutsch besetzten Europa 1939-1945, 271 S., 24,90 Euro, Ferdinand Schöningh Verlag Paderborn 2017, ISBN 978-3-506-78721-7

Ende gut. Alles!?

2. November 2017

Jekyll & Hyde – Dichter oder Henker? Wer verbirgt sich hinter dem Schreiber der zärtlichen Briefe, die die Tochter lange nach dem Tod des Vaters aufspürt? Auf der Suche nach Antworten enthüllen sich ihr 70 Jahre deutsche Nachkriegsgeschichte und das Schicksal ihrer ledigen Mutter; unerwartete Erkenntnisse über das tatsächliche Wesen des Nazi-Richters zwischen Mitläufern und Widerstandskämpfern lassen dieses neue Buch von Christiane Palm-Hoffmeister zu einem Kaleidoskop der Zeitgeschichte werden. Liebesgeschichten und Lebensschicksale, die exemplarisch für die durch Krieg und Nationalsozialismus geprägten Erfahrungen deutscher Familien im 20.Jahrhundert stehen, werden anschaulich neben die persönliche Geschichte der Autorin gestellt. Brisantes fördern die Briefe des Vaters zutage, die die Tochter erst lange nach dem Tod der Mutter in die Finger bekommt; noch mehr Zündstoff für die Beurteilung seiner Rolle im Justizapparat der NS-Zeit liefert die Entnazifizierungsakte. „Ende gut. Alles!?“ erzählt eine der vielen Liebesgeschichten, die die irre Zeit in Berlin während des Krieges trotz alledem mit sich gebracht hat. Und ehe man es sich versieht, ist man beim Lesen mitten drin: Sowohl der Beruf des Vaters als Richter am Kammergericht als auch das Kunststudium der Mutter und natürlich besonders deren uneheliche Schwangerschaft, ziehen die Tochter unweigerlich hinein in das politische und juristische Geschehen der NS Zeit und des zerstörenden Krieges.
Geboren im Februar 1945, entrollt sich vor ihren Augen bei der Suche nach dem wahren Wesen des Vaters, mit der Kindheitsgeschichte die ganze Verlogenheit und Verwirrtheit der Akteure in den fünfziger Jahren, vor einer unbewältigbaren Vergangenheit. Der ehemalige Richter, dem es nicht gelingt, seine ursprüngliche Berufstätigkeit wiederaufzunehmen, die Kunststudentin, die durch die Schwangerschaft von ihrem Höhenflug abgebracht wird und das Los einer unehelichen Mutter erdulden muss – die ungelöste Gesetzeslage, die Verstrickung des Richters in die Nazi-Justiz und den vermeintlich kommunistischen Widerstand, all das sind Stolpersteine, die bewältigt werden müssen. Vergleiche mit prominenten Lebenswegen illustrieren die gewaltsamen Eingriffe der NS-Herrschaft in die Biographien. Und über allem die bis heute fast unbekannten Bestrebungen der jungen Bundesrepublik, mit allen Mitteln in der Weltpolitik wieder eine bedeutende Rolle zu spielen und dafür die erneute Militarisierung, den Einstieg in die Atomenergie, die Kommunistenhetze in Kauf zu nehmen. Was als harmlose Vatersuche geplant war, gerät mehr und mehr zu einem menschlichen Kaleidoskop der Zeitgeschichte von 70 Jahren in Deutschland.
Christiane Palm-Hoffmeister, Ende gut. Alles!? Eine heimliche Liebe in Zeiten des Krieges. Romancollage, Kellner Verlag, Bremen, 2017, 16,90 € ISBN 9-783956-511578

Julius Fučík aus dem Pantheon in Prag entfernt

18. September 2017

… Wie der Museumsdirektor Michal Lukeš bekannt gab, wurde sie bereits 1991 beseitigt. Er sagte wirklich beseitigt, so als handle es sich um Abfall. Angeblich geschah das wegen Fučíks „ideeller Verbindung zum kommunistischen Regime“. Fučík ist 1943 in Berlin-Plötzensee hingerichtet worden, also fünf Jahre vor der Errichtung des kommunistischen Regimes in der Tschechoslowakei. Er kann also weder eine ideelle noch eine organisatorische Verbindung zu diesem Regime gehabt haben… Allein dass Fučík mit seiner Reportage unter dem Strang geschrieben die Weltöffentlichkeit über das Leid und den Freiheitskampf des tschechischen Volkes informiert hat, müsste ihm einen Platz im Nationalmuseums sichern. Als einzigartiges historisches Dokument ist das Werk Bestandteil der Weltliteratur… Es betrübt mich, dass manche das vergessen haben. Ich halte das für ein Zeichen der moralischen und politischen Desorientierung…

Kurt Nelhiebel, Kultur- und Friedenspreisträger der Villa Ichon in Bremen
Artikelauszug BAF 10./11.17

70 Jahre VVN-BdA Bremen

18. September 2017

Am 24.08.2017 lud die VVN-BdA Bremen zu einer kleinen Feier anlässlich ihres 70. Jährigen Bestehens in die St. Pauli Gemeinde ein. Zur Einstimmung der zahlreich erschienenen Gäste sang das Rote Krokodil erstmal das Lied „Miteinander“ von Dieter Süverkrüp. Die Begrüßung erfolgte dann durch den Landesvorsitzenden Raimund Gaebelein. Er ließ die Anfänge der Gründung und einige prominente Mitglieder noch einmal Revue passieren. Gleichzeitig mahnte er, dass auch heute die Gefahr von rechts nicht abgewendet ist und erinnerte an den Schwur von Buchenwald, der immer noch nicht erfüllt ist… Die vollständigen Originalreden sind auf www.bremen.vvn-bda.de in der Rubrik Artikel nachzulesen.

Marion Bonk

Zum 20. Mal fuhren 48 Angehörige der „Nationalen Konföderation der Politischen Gefangenen und Angehörigen Meensel-Kiezegem ‘44“ nach Neuengamme und seine Außenlager, zum 15. Mal gedachten wir mit ihnen gemeinsam der Toten zweier Razzien belgischer SS unter deutschem Kommando Anfang August 1944… Die Suche nach den Gräbern der Angehörigen ließ keinen ruhen. Erinnerungstafeln am Schützenhof, auf Bahrs Plate und am Massengrab auf dem Osterholzer Friedhof sind Zeichen langjähriger gemeinsamer Nachforschungen…

Wilhelm Henkel

Im Bunker sahen wir auch dieses Jahr wieder viele Veränderungen… Unsere vertrauten Führer Ulrich & Moni sorgten wie gewohnt wieder für einen hervorragenden Vortrag, und die vielen Fragen, die folgten, wurden gerne beantwortet…

Tom Devos

Zahlreiche Grußworte erreichten unsere Landesvereinigung zum 70. Jahrestag.

„…Gehen doch nicht wenige Zeichen, die nach dem Zweiten Weltkrieg in Bremen gegen NS-Willkürherrschaft und Krieg gesetzt wurden, auf das Engagement von Mitgliedern der VVN-BdA zurück… Wir denken dabei gern an die Mitwirkung von Walter Federmann zurück, der über zwei Jahrzehnte unserem Vereinsvorstand angehört hat, wofür wir bis heute dankbar sind…

Günter Knebel, Schriftführer Bundesvereinigung Opfer der NS-Militärjustiz e.V.

„…Zu Anfang der 2000er Jahre kamen wir auf unserer Suche in Kontakt mit Raimund Gaebelein und seinen Kameraden. Seither kommen wir fast jedes Jahr zum Schützenhof, wo dank des Bundes der Antifaschisten eine Erinnerungstafel für unsere Toten angebracht wurde… Das 70-jährige Bestehen der „Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes“ beweist, dass der Kampf gegen extrem rechte Ideologie weiter notwendig bleibt, die sich vor allem auf Rassismus gründet, auf Fremdenfeindlichkeit, gegen Probleme mit Flüchtlingen und Einwanderern. Ist der nächste Einwanderungs-Ausschluss-Vorwand vielleicht der Schutz von blonden Haaren und blauen Augen? …

Freddy Duerinckx, stellv. Vorsitzender der NCPGR Meensel-Kiezegem ‘44

…Vielen Dank für die gute Zusammenarbeit. Wir freuen uns auf weitere erfolgreiche Jahre mit euch.“

Hermann Ernst, Rudolf Weinlich, Dardo Balke und Roberto Larze, Vorsitzende Sinti Vereine Bremen und Bremerhaven

„Seit 70 Jahren mahnt und forscht der VVN-BdA zu den Verbrechen der Nazis… Als „Dank“ gab es vom Staat Berufsverbot und in anderen Bundesländern noch immer geheimdienstliche Überwachung. Die Beobachtung von Antifaschist*innen muss bundesweit aufhören!“

Sofia Leonidakis, MdBB Die Linke

Artikelauszug BAF 10/11.17

Schäubles Vision

18. September 2017

Der Journalist Martin Schäuble hat in seinem Roman „Endland“, der vornehmlich für Jugendliche geschrieben wurde, eine Vision, die sich schon in Teilen erfüllt hat. Aus der Warnung wurde Wirklichkeit, und zwar in Gestalt von Franco A., dem Bundeswehrsoldaten, der getarnt als syrischer Flüchtling wohl Anschläge verüben wollte. „Das las sich wie ein Kurzabdruck aus meinem Roman“, sagte er im Deutschlandfunk. „Da wurde mir ganz anders“. Leider zeigt sich hier, dass die Bundeswehr sehr wohl ein Spiegel der Gesellschaft ist – inklusive einer Bundeswehr-NSU. Viele ahnten etwas, keiner tat was.

In Schäubles Deutschland hat sich viel verändert. Es wird nun von der Nationale Alternative, einer Mischung aus AfD und NPD, regiert. Rundherum sind Mauern gezogen und Wachen patrouillieren. Zwei von ihnen, Anton – der 100%ige, und Noah – der Zweifler, sind die nationalen Protagonisten. Fana, eine dunkelhäutige Geflüchtete aus Äthiopien, ist die dritte Hauptfigur.

Warum fallen immer wieder Menschen auf die simpel gestrickten Argumente der Rechtspopulisten und Neonazis herein? Ist es die Einfältigkeit, die Weigerung mitzudenken oder dumpfe Voreinstellung? Woher kommt die Angst vor allem Fremden? Wie kommen einige aber von alleine aus dem Teufelskreis wieder heraus? Wie kann sich ein ganzes, doch eigentlich demokratisches, Land so sehr nach rechts verändern? Mögliche Antworten finden sich in dem Buch. Der 100%ige, Arno, soll als ukrainischer Flüchtling getarnt in ein Aufnahmelager gehen, um dort ein Attentat zu verüben. Der Zweifler, Noah, geht in den Widerstand und Fana rettet den, der sie hassen und den sie verachten müsste.

Die ganze Geschichte fängt langsam und vorsichtig an und baut sich mehr und mehr auf. Die Personen werden charakterlich beschrieben. Irgendwann wird es zum Thriller. Schäuble weiß, wovon er spricht, denn er hat viel recherchiert. Parteiprogramme gelesen, Veranstaltungen besucht und gut zugehört. Das könnten viele. Nur kann man dann nicht mehr sagen: „Das habe ich nicht gewusst.“

Seinen ersten (Jugend)-Roman „Der Scanner“ hat er als Robert M. Sonntag geschrieben. Grob umschrieben geht es in dem Buch um totale Überwachung und Bevormundung.

Erschienen ist das Buch „Endland“ von Martin Schäuble im Juli 2017 im Hanser Verlag, München. Es hat 224 Seiten und kostet 15,00 EUR. Unter der ISBN 978-3-446-25702-3 ist es in jeder guten Buchhandlung vor Ort zu finden. Ein lesenswertes Buch – ganz bestimmt nicht nur für Jugendliche.

Vergessenen Opfern die Würde zurückgeben

18. September 2017

Die jahrzehntewährende Auseinandersetzung um Anerkennung der Opfer des Faschismus war über lange Zeit bemüht, ausreichende gesundheitliche und materielle Versorgung zu erstreiten. Dies betraf vor allem politische Häftlinge, rassisch und religiös Verfolgte. Entschädigungen, die gezahlt wurden, mussten oftmals mühsam gegen Beamte erstritten werden, die zur Verfolgungssituation beigetragen hatten. Einer großen Anzahl Verfolgter, vor allem Kommunisten, wurden sie mit dem Kalten Krieg nachträglich wieder aberkannt. Ausgenommen aus dem Bundesentschädigungsgesetz blieben Opfer des Faschismus, die bei weitgehendem Fortbestand der 1933/45 verschärften Strafgesetze oft vom selben bürokratischen Personal weiterverfolgt wurden, Homosexuelle, Zeugen Jehovas, Sinti und Roma, Opfer der NS-Militärjustiz. Das Gutachtenwesen der Gesundheitsbehörden bestand unter dem alten Personal bis spät in die siebziger Jahre im alten Geiste fort. Zwangssterilisierte, Euthanasieopfer wurden zu Schattenwesen gestempelt. Auch innerhalb der Verfolgtenorganisationen bedurfte es eines Generationswechsels, um die Frage nach den vergessenen Opfern auf die Tagesordnung zu setzen. Nicht selten waren es leidvolle Erfahrungen aus KZ-Haft und Zuchthaus, die politische Verfolgte misstrauisch oder skeptisch gegenüber ausgegrenzten Verfolgtengruppen bleiben ließ. Seit den 80er Jahren entwickelt sich die Aufarbeitung der persönlichen Schicksale marginalisierter Betroffener durch Befragungen, Aufarbeitung von Akten, Gründung von Selbsthilfegruppen.

In diesem Jahr erscheint eine aktuelle Aufsatzsammlung unter dem Titel „Sozialrassistische Verfolgung im deutschen Faschismus“. 18 Autoren setzen sich mit den Schwierigkeiten des Gedenkens an Menschen auseinander, die während des Faschismus als minderwertig angesehen, als „asozial“, „arbeitsscheu“, kriminell verfolgt, als vermeintlich schwachsinnig stationär weggesperrt und durch Schläge und Nahrungsentzug zu Tode gebracht wurden, soweit sie nicht als arbeitsfähig von Nutzen waren. Auslese durch staatliche Eingriffe, so verdeutlicht die Herausgeberin Anne Allex, ist rassistisch motiviert. Dirk Stegemann zeichnet die Schritte gesetzlicher Erfassung, Kasernierung und Ausgliederung randständiger Gruppen während des Faschismus nach. 70.000 trugen Wolfgang Ayaß zufolge in den KZ den Schwarzen Winkel.

Um die Entwicklung und Folgen der Eugenik geht es Heike Zbik. In der Zeit der Weltwirtschaftskrise, als mehr als ein Drittel der Bevölkerung in einem Arbeitslosenhaushalt lebte, sollte rücksichtslos eingegriffen werden. Mit Zwangssterilisierung sollte Erbkrankheiten begegnet werden. Das traf in den folgenden zwölf Jahren 400.000 Menschen. „Ausgemerzt“ werden sollte alles, was schädlich und gefährlich galt. Das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ vom 14.07.1933 bot Handhabe zur zunächst befristeten, in der zweiten Kriegshälfte unbegrenzten Wegsperrung. Das Ehetauglichkeitszeugnis bot den Amtsärzten eine Handhabe zur Überprüfung der persönlichen Verhältnisse. Mit Zwangssterilisation sollten Blinde, Taubstumme, Epilepsiekranke, unter Schizophrenie Leidende ausgegliedert werden. Unter dem Schutz des Krieges konnten sie durch Verhungern-lassen, Überdosierung oder Absetzen von Medikamenten ermordet werden.

Erschütternd waren die Bedingungen in den Unterbringungsorten für Jugendliche, ob Rummelsburg, Mädchen-KZ Uckermark oder Frauengefängnis Barnimstraße. Kriminalpräventiv wurde in großem Umfange Vorbeugehaft verhängt. Die Fürsorgeämter lieferten den Reichskriminalämtern zu, irgendwie auffällig gewordene Jugendliche, ledige Mütter, junge Frauen, die mit Kriegsgefangenen oder Zwangsarbeitern befreundet waren, Jugendliche, die verbotene Musik hörten. „Neu war das radikale, unnachsichtige und terroristische Vorgehen“ unter faschistischer Herrschaft, hebt Wolfgang Ayaß bereits 2009 in „ausgesteuert – ausgegrenzt … angeblich asozial“ hervor. Ulla Jelpke (MdB Linke) kritisiert, dass die sogenannten Asozialen durch das Raster der Entschädigung fielen. Sie bleiben weiter ausgegrenzt, stigmatisiert. Es geht aber darum, vergessenen Opfern die Würde zurückgeben. „Im Zentrum stehen die Würde der Toten und ihre Rückholung in die soziale Welt“, so Anne Allex abschließend.

Anne Allex (Hg.), Sozialrassistische Verfolgung im deutschen Faschismus, Kinder, Jugendliche, Frauen als sogenannte Asoziale, Schwierigkeiten beim Gedenken, Materialien der Arbeitsgemeinschaft sozialpolitischer Arbeitskreise, 438 S., Neu-Ulm 2017, 28,- Euro, ISBN 978-3-945959-21-3 (49,- Euro gemeinsam mit dem Band Anne Allex/Dietrich Kalkan (Hg.) ausgesteuert – ausgegrenzt … angeblich asozial, 356 S. Neu-Ulm 2009).

Grußworte der Belgischen Deligation aus Meensel Kiezegem

27. August 2017

Verehrte Gäste, liebe Freunde der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschisten,
Für uns ist es eine große Ehre, am 70. Jahrestag der Gründung eurer Vereinigung teilnehmen zu dürfen. Dafür recht herzlichen Dank.
Unsere Vereinigung, die „Nationale Konföderation der Politischen Gefangenen und Angehörigen Meensel-Kiezegem ‘44“, fährt nun zum 20. Mal nach Neuengamme, um der 63 Toten einer doppelten SS-Razzia in unserem Dorf zu gedenken und sie zu ehren. Am 1. und 11. August 1944 wurden in unserem Dorf 91 Menschen verhaftet, und bei den Razzien vier Männer als Vergeltung für die Tötung eines flämischen SS-Kollaborateurs im Dorf ermordet. Dieser Rachefeldzug wurde angeordnet und geleitet von flämischen SS-Männern im Auftrag der Familie des getöteten Kollaborateurs.
71 Personen wurden ins KZ Neuengamme deportiert, 63 von ihnen allmählich umgebracht, durch Arbeit vernichtet, gerade einmal acht überlebten diese Hölle und kamen zurück. Ein paar Tage nach ihrer Ankunft in Neuengamme wurde 15 Menschen aus unserem Dorf nach Bremen gebracht, hauptsächlich in die Außenlager Blumenthal und Schützenhof.
Zu Anfang der 2000er Jahre kamen wir auf unserer Suche in Kontakt mit Raimund Gaebelein und seinen Kameraden. Seither kommen wir fast jedes Jahr zum Schützenhof, wo dank des Bundes der Antifaschisten eine Erinnerungstafel für unsere Toten angebracht wurde. Auch auf Bahrs Plate stehen die Namen unserer Mitbürger in Stein gehauen. Wir danken herzlich für die Bemühungen und Anerkennung unserer Toten.
So wie ihr stellen wir aus Verantwortung heraus fest, dass hier in Deutschland und anderswo in der Welt Neonazistische Vereinigungen Veranstaltungen organisieren können und dürfen, um ihre faschistischen, rassistischen, extrem rechte Gedanken zu verbreiten, wie kürzlich in Erfurt. Vor einigen Monaten fand in der lettischen Hauptstadt Riga eine Gedenk- und Verherrlichungsveranstaltung für die Waffen-SS statt. Noch letzte Woche wurde in Charlottesville in der USA eine extrem rechte Kundgebung zugelassen, als Meinungsfreiheit erlaubt. Eine Gegnerin dieses Aufmarschs wurde totgefahren durch einen extrem Rechten. Erst zwei Tage später wurde der Terroranschlag durch den sogenannten mächtigsten Mann der Welt verurteilt.
Auch bei uns in Belgien ist es möglich, dass das eine oder andere Regierungsmitglied zu Treffen und Feiern ehemaliger SS-Kollaborateure eingeladen wird, Verteidigern des Hitler-Faschismus, Ostfront-Soldaten, und Gründern extrem rechter, gewaltbereiter Gruppen, und auch gerne daran teilnimmt.
Das 70-jährige Bestehen der „Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes“ beweist, dass der Kampf gegen extrem rechte Ideologie weiter notwendig bleibt, die sich vor allem auf Rassismus gründet, auf Fremdenfeindlichkeit, gegen Probleme mit Flüchtlingen und Einwanderern. Ist der nächste Einwanderungs-Ausschluss-Vorwand vielleicht der Schutz von blonden Haaren und blauen Augen?
Die „Nationale Konföderation der Politischen Gefangenen und Angehörigen Meensel-Kiezegem ‘44“ nimmt mit ihren Mitteln und Möglichkeiten an diesem Kampf teil, wir ziehen am selben Strang. Unsere Teilnahme an diesem Abend ist dafür Unterstützung und Bekräftigung.
Vielen Dank fürs Zuhören

Rede Dr. Ulrich Schneider auf der Feier zum 70. Jahrestag der VVN-BdA Bremen

27. August 2017

Auf Grund der Länge der Rede hier die PDF-Datei

70 Jahre VVN Bremen 240817 Ul Schneider

Begrüßung zum 70. Jahrestag der Gründung der VVN-BdA Bremen

27. August 2017

Verehrte Anwesende, liebe Kameradinnen und Kameraden, liebe Freunde,
zu unserer Veranstaltung 70 Jahre nach Gründung der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes möchte ich alle herzlich begrüßen.
Eine neue Welt des Friedens und der Freiheit zu bauen, gelobten die Häftlinge von Buchenwald im April 1945. Nicht eher wollten sie ruhen, bis der letzte Verantwortliche für Faschismus, Krieg und Ermordung von Millionen Menschen vor seinem gesetzlichen Richter steht. Im Nürnberger Tribunal gegen die Hauptkriegsverbrecher, den Nachfolgeprozessen, im Potsdamer Abkommen offenbarten sich Interessenunterschiede zwischen den alliierten Mächten, die sehr bald Auswirkungen auf den Umgang mit Faschisten und ihren Unterstützern hatte.
Hermann Prüser, hatte er am 10. März 1933 in der Bremischen Bürgerschaft die letzte freie Rede in einem deutschen Landtag gehalten und die Sozialdemokraten zur Aktionseinheit mit den Kommunisten aufgerufen, um die Einsetzung eines Staatskommissars aus Berlin zu verhindern. Auf der Straße sollte sie stattfinden, wenn sie schon im Parlament nicht mehr möglich war. Nach der Befreiung vom Faschismus wurde er Vorsitzender des Entnazifizierungsausschusses, legte aber bald darauf sein Amt nieder, da man die Großen laufen lasse. In einem Brief an Bürgermeister Kaisen begründete er seinen Schritt: „Die Entnazifizierung wird … in der Öffentlichkeit diskriminiert, in der kleine, namenlose und wirtschaftlich ohnmächtige Beamte und Geschäftsleute bestraft und exponierte Vertreter der bremischen Wirtschaft und Verwaltung freigesprochen werden.“ Prozesse gegen die Mörder der Pogromnacht November 1938 wurden sehr spät eröffnet, die Täter zu niedrigen Strafen verurteilt und sehr schnell begnadigt.
Willi Meyer-Buer hatte sieben Zuchthausjahre und das KZ Sachsenhausen überlebt, nach einem schweren Bombenangriff drei Kollegen aus dem brennenden Geschäftshaus gerettet und das Dorf Hande vor der Zerstörung bewahrt. Als KPD-Fraktionsvorsitzender in der Bremischen Bürgerschaft kämpfte er entschieden gegen die Behinderungen bei der Bildung von Einheitsgewerkschaften durch die Militärbehörden an, die große Versammlungen verboten. Bürgermeister Kaisen wollte „wollte nicht auf belastete Nazis, in der Verwaltung, auf ehemalige Wehrwirtschaftsführer und Kriegsgewinnler … verzichten, sie seien Fachleute – so behauptete er – ohne deren Mitarbeit der Wiederaufbau Bremens nicht vorankommen könnte.“
Georg Gumpert, hatte er im KZ Börgermoor und in den Haftzellen des Landgerichts die Methoden von Gestapo und SS zu spüren bekommen. Als Bevollmächtigter für die Arbeitszuteilung war er nach der Befreiung nicht bereit, den Einsatz ehemaliger hochrangiger Nazis bei schweren körperlichen Arbeiten zu beenden und verzichtete auf einen hochrangigen Posten im Arbeitsressort des Senats.
Willy Hundertmark, Chefredakteur der kommunistischen „Tribüne der Demokratie“, ging es verstärkt um Aufklärungsarbeit für die Jugend. Die Verbrechen des Naziregimes sollten enthüllt, der antifaschistische Widerstand gewürdigt werden. Unterstützt wurde er von der KPD-Bürgerschaftsabgeordneten Maria Krüger, die den Bremer Frauenbund aufbaute und sich intensiv für die geschichtliche Aufarbeitung einsetzte.
Sie alle beteiligten sich vor 70 Jahren an der Gründung der VVN.
Heute stehen wir in einer veränderten Situation. Der Schwur von Buchenwald wird von Halbwissenschaftlern als Fälschung diffamiert. Er wird herangezogen, um der VVN-BdA ihre Verdienste um die Erhaltung und Verteidigung der Demokratie abzusprechen und erneut Berufsverbote gegen Antifaschistinnen und Antifaschisten zu verhängen.. Der Prozess gegen den NS-Untergrund schleppt sich nach vier Jahren in die Schlusskurve. Unterschlagen und durch Aktenvernichtung behindert wird die schützende Hand des Verfassungsschutzes. Das Bundesverfassungsgericht sieht keine Veranlassung, die NPD zu verbieten. Zu unbedeutend sei sie, um den Griff zur Herrschaft vollziehen zu können. Aus der Kameradschaftsszene hervorgegangene Gruppierungen dürfen im Schutze des Parteienprivilegs Gelder für ihre menschenfeindliche Propaganda kassieren.
Terror-Anschläge religiöser Fanatiker werden für konservative Politik und Behörden zum willkommenen Anlass, die Sicherheitsarchitektur auszubauen. Das Trennungsgebot zwischen Geheimdiensten und Polizei wird zunehmend aufgeweicht, die Polizei paramilitärisch aufgerüstet. Ängste in der Bevölkerung werden medial verstärkt und zunehmend gegen linke Kräfte gerichtet. Geflüchtete geraten ins Visier der Überwachung, ihre Abschiebung in vermeintlich sichere Herkunftsländer vorantrieben.
Anlässlich der Grundsteinlegung des KZ-Ehrenfelds auf dem Osterholzer Friedhof, unter dem 577 Tote aus ganz Europa ruhen, schrieb Eberhard Peters, Gesellschafter des Weserkuriers am 9. September 1947: „Die Toten mahnen – damit nicht unsere Kinder demselben Moloch geopfert werden.“ Auf jedem Grabstein für Politische und Soldaten, so Peters, müsse eigentlich stehen: “Für gewisse Konzerninteressen geopfert.“ Seit 1999 ist Krieg von deutschem Boden aus wieder machbar geworden, entgegen dem Verbot des Grundgesetzes, schamvoll als Friedensmission. Das Anwachsen der Zahl Geflüchteter wird zum Argument für ein Eingreifen in die inneren Verhältnisse der Herkunftsstaaten. Der Griff nach der Weltmacht, das Verlangen nach einem „Platz an der Sonne“, werden mit der veränderten Rolle der Bundesrepublik in der Welt begründet. Patriotismus wird mit Blick auf die Vereinigten Staaten wieder in deutsche Fahnen gekleidet.
Demgegenüber hält die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der AntifaschistInnen daran fest, dass in solidarischer Gemeinschaft der Völker eine neue Welt des Friedens und der Freiheit geschaffen werden muss.
Raimund Gaebelein (Begrüßung anlässlich der 70-Jahrfeier der VVN-BdA Bremen am 24. August 2017 in der St. Pauli Gemeinde Neustadt

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