Solidaritätsbasar

3. September 2019

Freitag, den 29.11.19 Solidaritätsbasar ab 18 Uhr in der Zionsgemeinde, Kornstraße

100 Jahre Bremer Volkshochschule

3. September 2019

Dienstag, den 19.11.19, um 19:30 Uhr in der Villa Ichon, Goetheplatz 4, Prof. Dr. Jörg Wollenberg, 100 Jahre Bremer Volkshochschule – Von der „Pflege heimischen Volkstums (1919) zur verspäteten „Wiedergutmachung“ im Bamberger. Mit Richard von Hoff eroberte 1919 der „völkische Geist“ die die Bremer Volkshochschule zur „Abwehr jüdisch-marxistischer Zersetzung“. Der erste Leiter der Bremer VHS verfolgte das Ziel, am „Wiederaufbau des Vaterlandes“ mitzuarbeiten und der Gefahr zu begegnen, als Volk „Kulturdünger für fremde Völker“ zu werden. „Rassenfragen, Vererbungsprobleme und familiengeschichtliche Forschungen“ standen so von 1919 bis 1945 im Mittelpunkt des Volkshochschulprogramms in einer Stadt, in der Kaufmannschaft und Arbeiterbewegung die Kultur und Politik lange bestimmt hatten. Im Gegensatz zu anderen großstädtischen Volkshochschulen konnten die neuen Machthaber 1933 auf Entlassungen und Namensänderungen verzichten, nicht einmal eine Selbstgleichschaltung war vonnöten. Richard von Hoff wurde im März 1933 zum Senator für das Bildungswesen ernannt und stieg zum SS-Oberführer und Hauptschulungsleiter für Rassenfragen auf. Der Neuanfang der Bremer VHS nach 1945 gelang nur unzulänglich. Erst 1954 kam es zum inhaltlichen Kurswechsel mit Hilfe eines Emigranten. Aber auch der Weg der umsteuerung von Fritz Borinski, von seinen Nachfolgern Günter Schulz und vor allem von Karl Heinz Schloesser intensiviert, stießauf Schwierigkeiten – mit Folgen bis heute – trotz aller Frauen-Power.

Veranstaltung der MASCH Bremen

Veranstaltung zu Ehren der Verteidiger der Bremer Räterepublik

3. September 2019

Veranstaltung zu Ehren der Verteidiger der Bremer Räterepublik

Samstag, 16. November 2019, um 11 Uhr Grasmarkt (zwischen Dom und Rathaus) zur Erinnerung an die Novemberrevolution 1918, kurze Ansprachen Raimund Gaebelein zur Rätebewegung und ihren Nachwirkungen. Moderiert von Gerd-Rolf Rosenberger, zu Beginn und zum Schluss musikalisch begleitet vom Roten Krokodil.

Gedenken an die Opfer der Pogromnacht 1938

3. September 2019

Freitag, den 08.11.19, um 11 Uhr Gedenken an die Opfer der Pogromnacht 1938 an der Stele am ehemaligen jüdischen Altersheim an der Gröpelinger Heerstraße 167. Stolpersteinputzen gemeinsam mit Kultur vor Ort am folgenden Tag ab 17 Uhr ab der gleichen Stelle.

Verdrängt–Vertagt-Zurückgewiesen

3. September 2019

Donnerstag, den 24.10.19, um 19:30 Uhr in der Villa Ichon, Goetheplatz 4, Dr. Karl-Heinz Roth, Verdrängt–Vertagt-Zurückgewiesen. Die deutsche Reparationsschuld gegenüber Polen,Griechenland und Europa. Während des Zweiten Weltkriegs haben die deutschen die besetzten Länder Europas ausgeraubt und massive Verbrechen gegenüber der Zivilbevölkerung begangen. Dafür gab es bis heute fast keine Entschädigung. Vor allem die Länder Ost- und Südosteuropas wurden extrem benachteiligt, obwohl sie am schwersten unter den Zerstörungen und demographischen Folgen zu leiden hatten. Am Beispiel der Fallstudien Polen und Griechenland untersucht der Referent das Ausmaß der deutschen Reparationsschuld und präsentiert Vorschläge zu einer abschließenden Regelung.

Veranstaltung der MASCH Bremen

Die SS nach 1945. Entschuldungsnarrative, populäre Mythen, europäische Erinnerungsdiskurse

3. September 2019

Die Frage stellt sich mir immer wieder. Ein Nachkriegsdeutschland in dem ein Heinrich Lübke (Barackenlübke) oder Karl Carstens Bundes- und ein Hans Filbinger Ministerpräsident werden konnte. Oder der Chefideologe (Mitverfasser und Kommentator NS-Rassegesetze), Hans Globke, Kanzleramtschef. Der Aufbau der Bundeswehr u.a. durch Adolf Heusinger (Festung Harz) hätte sich sicherlich auch weniger wehrmachtartig dargestellt. Was wäre aus Deutschland geworden, wenn keiner der „Oberen“ noch einmal einen Posten in Politik, Justiz oder Wirtschaft hätte besetzen dürfen. Ein besseres Deutschland auf jeden Fall. Das Wirtschaftswunder à la Ludwig Erhard (seine Ideen kamen aus den End-Dreißiger) wäre langsamer und vielleicht auch nachhaltiger vonstattengegangen.
Das Ganze lief nun Mal anders ab. Neben den NS-Richtern, -Pädagogen, -Politikern, -Beamten und -Militärs gab es aber auch noch die Hard-Core-Nazis, die „überlebt“ haben. Über die alljährlichen lettischen „Ehrungen“ der SS wurde berichtet. Aber auch in unserem Land sind noch viele SSler in Amt und Würden gekommen respektive geblieben. Jan Erik Schulte und Michael Wildt beschäftigen sich als Herausgeber des Buches: „Die SS nach 1945 Entschuldungsnarrative, populäre Mythen, europäische Erinnerungsdiskurse“ mit den SS-Schergen in der Bundesrepublik Deutschland. Der Internationale Militärgerichtshof zu Nürnberg hat die SS als verbrecherische Organisation eingestuft. Nichtsdestotrotz sind SS-Täter wie Paul Carell und Joachim Peiper so gut wie ungeschoren davongekommen und konnten später ihre „Kameraden“ in Büchern und Artikeln weißwaschen. Viele von ihnen fanden Obdach bei Reinhard Gehlens Bundesnachrichtendienst (BND) oder man half ihnen wieder „Fuß zu fassen“ in der BRD. In diesem Zusammenhang sei auch der fiktive Roman von Frederick Forsyth, „Die Akte Odessa“, erwähnt. Das Organisationen wie die «Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit der ehemaligen Angehörigen der Waffen-SS e. V. (HIAG)», 1951 als „Traditionsverband“ gegründet, legal existieren konnten, zeigt den Einfluss der SS im Nachkriegsdeutschland.
Aber auch im Bundeskriminalamt (BKA) fanden sich die SSler wieder. So war Eduard Michael in seinem „Vorleben“ als SS-Hauptsturmführer an der Deportation von 4.000 Juden ins Vernichtungslager nach Treblinka in Tschenstochau mitverantwortlich. Beim BKA war er dann zuständig für Einstellung von Personal. Zu allem Überfluss wurde er noch von 1952 bis 1959 BKA-Verwaltungschef.
Der SS- und KZ-Ornithologe Günther Niethammer wurde an der Uni Bonn habilitiert und später „ordentlicher“ Professor. Die Präsidentschaft der Deutsche Ornithologen-Gesellschaft e. V. (DO-G) hatte er von 1968 – 1973 inne. Auch er wird mit größter Sicherheit „Kameraden“ geholfen haben.
Die SS-Schergen sind verstorben, aber ihre Ideologien leben weiter. Sie haben die Grundlagen nach 1945 in Bildung, Justiz, Politik, Verwaltung, Wirtschaft und Wissenschaft, übrigens mit Wissen und Willen der damaligen Politiker, gelegt und noch heute belasten sie uns all
Das in der BRD die Demokratie nicht ganz den Bach herunter ging, lag allerdings nicht an der SSlern.
Jan Erik Schulte, Michael Wildt (Hg.): „Die SS nach 1945. Entschuldungsnarrative, populäre Mythen, europäische Erinnerungsdiskurse“, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2018, 451 Seiten, 45 Euro, ISBN 9-78-384710820-7

Courtney B. Vance

Der Krieg, den keiner wollte

3. September 2019

„So rollte der Wahnsinn ab“, betitelt Frederick Taylor das letzten Kapitel seines Werks, das die Ereignisse von September 38 bis September 39 aus Sicht des Bürgertums beurteilt. Die Ereignisse seien innerhalb eines Jahren „von der Friedensverheißung in den totalen Krieg“ geschlittert. Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs seien sich die Europäer des Preises des Ersten Weltkriegs durchaus noch bewusst gewesen, der Toten, der Zerstörung. Seit Ende des Krieges waren gerade einmal zwanzig Jahre vergangen. Das Ergebnis war der Wunsch, am allgemeinen Leben teilnehmen zu können, was durch die Weltwirtschaftskrise 1929 unterbrochen wurde. In Deutschland führte es zu einem Devisen- und Rohstoffmangel, was scheinbar nur durch neue Eroberungen gelöst werden konnte. Den herrschenden Eliten Englands und Frankreichs unterstellt Taylor, die unfriedlichen Absichten Hitlers nicht erkannt zu haben. Grundlage der Appeasementpolitik Chamberlains war der sich abzeichnende Niedergang des britischen Weltreichs. Vielleicht war es während der Sudetenkrise September 1938 auch die Angst vor Bomben. Chamberlain erhielt zahllose Anrufe aus der Bevölkerung mit der Bitte um Frieden. Das Land schien gelähmt, es gab Notkäufe, Theaterbesuche wurden seltener. Die Akzeptanz des Regimes in der deutschen Bevölkerung beruhte auf den ohne Krieg gelungenen Eroberungen (und in den ersten Kriegsjahren in der Blitzkriegserfolgen). Wiewohl niemand den Krieg wollte, vielleicht nicht einmal Hitler, so Taylor, hätten sie ihn letztlich „toleriert“ und entschlossen daran teilgenommen. Taylor möchte nicht die diplomatische und politische Seite der Vorgeschichte des zweiten Weltkriegs aufrollen, sondern die psychologische Sichtverschiebung des Bürgertums in England und Deutschland. Es geht ihm um die Alltagssorgen und täglichen Abläufe, um Freizeitgestaltung und Familienleben, soweit es noch nicht vom bevorstehenden Krieg beherrscht ist. Er möchte die Alltagsgeschichte erfassen und die Gefühle der Bevölkerung nachzeichnen. Methodisch kann er dabei nach eigener Aussage auf seine Veröffentlichungen über die Bombardierung Dresdens und Coventrys zurückgreifen. Erschreckend für ihn war, dass nur wenige Wochen nach dem Münchener Abkommen die Novemberpogrome gegen die jüdische Bevölkerung stattfanden. Anschaulich belegt er, dass die Ängste vor einer massenhaften Einwanderungen nicht wenige Briten gegen Aufnahme von Juden einnahm. Als Zeitzeuge stehen ihm fast ausschließlich Personen zur Verfügung, die damals Neunjährige waren. Der Krieg blieb ihnen lebhaft in Erinnerung. Als weitere Quellen boten sich Tagebücher und Zeitungsartikel aus dieser Zeit an. Ängste, Hoffnungen, Vorurteile wurden in erheblichem Maße von der Boulevardpresse kolportiert. Tagebücher aus deutschen Archiven belegen, wie sehr sich der durchschnittliche Deutsche der faschistischen Herrschaft anpasste bis dahin, sie schließlich lebhaft zu begrüßen. Überschattet wird Taylors Untersuchung aktuell durch die krisenhafte Wirtschaftsentwicklung und das Aufkommen eines extremen Nationalismus heute. Ein erneuter Krieg sei nicht mehr völlig auszuschließen.

Frederick Taylor, Der Krieg, den keiner wollte, Briten und Deutsche: Eine andere Geschichte des Jahres 1939, 432 S., Siedler Verlag München August 2019 , mit umfangreichen Anmerkungen, Bibliographie und Personenregister, 30 Euro, ISBN 978-3-8275-0113-4

Raimund Gaebelein

Sächsische Verhältnisse

3. September 2019

Die Landtagswahl 2019 in Sachsen ist zu Ende. Die „Die Alternative für Deutschland“ (AfD) hat am 1. September ein Rekordergebnis eingefahren. Noch viel schlimmere Befürchtungen führten dazu, dass der Bundesausschuss unserer Organisation der Landesvereinigung Sachsen Hilfe gegen die AfD angeboten hatte. Nichtsächsische Mitglieder sollten sich für einige Tage in Sachsen an Aktionen beteiligen. Ein extra entstandener Flyer sollte an WählerInnen verteilt und in Briefkästen gesteckt werden. Eine eigens eingesetzte Person sollte den Einsatz der Nichtsachsen koordinieren…

Den wenigen Menschen, die sich meldeten, ist mit zu danken, dass die große Mehrzahl der ca. 33.000 Flyer bei den SächsInnen ankamen. Die Hauptarbeit leisteten aber die sächsischen KameradInnen, insbesondere in Chemnitz Wolfgang Engel, mit der VVN-BdA verbundene Organisationen, wie z.B. Aufstehen gegen Rassismus“ und das „Erich-Zeigner-Haus e.V.“ aus Leipzig…

Auch wenn ich aus praktischen Gründen beim Verteilen der Flyer solche Siedlungen bevorzugt aufsuchte, so bemerkte ich doch, dass die rechte Anhängerschaft nicht auf solche mutmaßlich einkommensschwächeren Schichten beschränkt ist. Ich lernte, dass das „Deutsche Reich“ in Liebertwolkwitz in Leipzig liegt und seine EinwohnerInnen teure Autos fahren und Otto von Bismarck mit Fahne und Büste verehren.

Häufig wurde ich gefragt, ob unsere Aktion etwas bringen würde. Der Wahltag antwortete darauf eher negativ. Gegen die mediale Vorherrschaft kamen wir nicht an. Die Medien haben die Wahl in Sachsen darauf zugespitzt, ob die CDU oder die AfD mehr Stimmen erhält. So haben beide Parteien auch besser abgeschnitten, als die WahlforscherInnen zuletzt vorhersagten. Unsere schlimmsten Befürchtungen – AfD wird stärkste Kraft und stellt den Ministerpräsidenten – haben sich zum Glück nicht erfüllt.

Ulrich Stuwe
Auszug BAF 10./11.2019

Ein neues Museum in Meensel–Kiezegem

3. September 2019

Am 10. August machten wir uns morgens zu viert auf den Weg nach Meensel-Kiezegem, Raimund, Wolfgang, Monika und Marion. Wir wollten dort an den Feierlichkeiten zum 75-jährigen Gedenken an die beiden Razzien im August 1944 und die Eröffnung des neuen Museums teilnehmen…

Was uns präsentiert wurde, war schon sehr beeindruckend, da doch sehr viel in Eigenregie entstanden ist…

Am nächsten Morgen mussten wir schon um 8:15 Uhr in Kiezegem sein, wo am Ehrenmal für die Ermordeten mit Fahnenappell die Kränze niedergelegt wurden. Dann ging es weiter nach Meensel, wo im Festzelt der Gedenkgottesdienst, Ansprachen vom Bürgermeister der Samtgemeinde Tielt-Winge, Rudi Beeken, von Detlef Garbe, dem Leiter der KZ-Gedenkstätte Neuengamme, und Koen Aerts,einem Historiker der Uni Gent, gehalten wurden…

Am nächsten Morgen trafen wir uns mit Guido und seinem Enkel in Meensel an der Kirche, er wollte uns vor unserer Heimreise noch einige wichtige Punkte der damaligen Razzien zeigen. Gegen Mittag ging es dann, leider viel zu schnell, mit vielen neuen Eindrücken, wieder nach Bremen zurück. Einen ganz herzlichen Dank an unsere Freunde in Meensel-Kiezegem, dass ihr uns wieder so toll aufgenommen habt, es ist immer wieder schön bei euch.

Marion Bonk
Auszug BAF 10./11.2019

Ausgewogene Deutung der dramatischen Tage, Rede zur Eröffnung des Museums in M-K von Koen Aerts

18. August 2019

„Leidenschaft, die noch brennt, ist ein schlechter Ratgeber für jemanden, der gewissenhaft Wissenschaft ausüben will.“ Das sind nicht meine Worte, sondern die des Parlaments, das am 24. Februar 1945 den Gesetzentwurf für ein belgisches Weltkriegsmuseum beriet. Zu der Zeit war der Krieg noch in Gang. Belgien war bereits befreit, aber Nazi-Deutschland noch nicht besiegt. Tausende deportierter Belgier mussten noch aus den Lagern zurückkehren. Wenn sie noch zurückkamen. Das sollte in wenigen Monaten geschehen oder erst in den folgenden Jahren. Für viele war das Kriegsende alles andere als ein Fest, sondern vor allem ein banges Warten: Wer hat überlebt, wer wurde Witwe oder Witwer, wer Waisenkind?
Als schließlich die Antwort folgte, bedeutete es gleichermaßen Schmerz wie Befreiung: der Anfang einer nicht endenden Trauerzeit oder für die, die doch zurückkamen, das Versorgen von Narben, die ein Leben lang heftig schmerzen konnten, zu einer Zeit ohne Traumabegleitung, als sich ein Traumatologe noch mit gebrochenen Knochen statt mit gebrochenen Seelen beschäftigte.
Mit über 80.000 Toten bezahlte Belgien während des zweiten Weltkriegs einen hohen Preis. Fast einer von 100 Einwohnern ließ sein Leben. Ebenso viele Familien, Freunde und Bekannte tragen ein Erbe, das schwer zu verarbeiten ist. Vor diesem Hintergrund sollte das vorgesehene belgische Weltkriegsmuseum Hüter der Nation werden. Nach offiziellen Vorgaben sollte es über die „korrekte Erinnerung“ der großen Ereignisse wachen, von denen die gesamte Bevölkerung betroffen war. Zehn Tage nach der Kapitulation Nazi-Deutschlands beschloss das Parlament am 18. Mai 1945 einstimmig das Gesetz, um das Museumsprojekt auf den Weg zu geben. Zehn Monate später war von der ursprünglichen Begeisterung nichts mehr zu spüren. Die „korrekte Erinnerung“ und das Land selbst wirkten so zerrissen und aufgeteilt wie die Kriegstoten.
Natürlich ist der Krieg mehr als nur eine Rahmendarstellung oder Aufteilung von Totenzahlen, mehr als eine Rangfolge an Leid, für ein richtiges historisches Wissen aber sind die Proportionen äußerst wichtig. Auf etwas mehr als 80.000 Tote beläuft sich die größte Gruppe der deportierten Juden, mehr als ein Drittel der Gesamtzahl. Ihnen folgten zivile Opfer, Belgier, die bei den Kämpfen starben oder bei Bombardierungen, ein Viertel der Toten. Dann kommen Widerständler, ein gutes Fünftel: politische Häftlinge, erschossene Geiseln und Menschen, die durch kollaborierende Milizen ermordet wurden. Die gefallenen Soldaten stellen weitere 12 Prozent der Gesamtzahl dar. Und zum Schluss gibt es noch den verbleibenden, kleinsten Anteil von 6,6 %, für die Kollaborateure, die an der Ostfront fielen, bei Anschlägen des Widerstands umkamen oder nach dem Krieg hingerichtet wurden.
Wer ehrt welche Toten und welche Opfer werden vergessen? In Flandern gibt es deutlich mehr Kollaborateure – die Gruppe mit den wenigsten Toten und den meisten Überlebenden – die nach dem Krieg lange Zeit die lauteste Stimme hatten. Nicht die Opfer, die in der Lagern umkamen oder bestenfalls zurückkamen, sondern die, die wohl den Krieg verloren, kämpfen darum die öffentliche Anerkennung zu gewinnen. Als Beweis die Tatsache, dass fünf flämische Gemeinden bis heute noch den Namen des zu Tode verurteilten Nazipriesters Cyrie Verschaeve in ihrem Straßenplan hinnehmen. Im Ausland, selbst im wallonischen Teil Belgiens, bekommt man es vorgehalten. Straßen nach einen zu Tode verurteilten Kollaborateur zu benennen: das sind Zeichen für eine unaufgearbeitete belgische Vergangenheit.
Dass die Leidenschaft noch heute brennt, 75 Jahre danach, hat damit zu tun. Das Fehlen des Wissens um das Leid derer, die unter der Nazi-Besatzung gebeugt gingen. In Belgien geht es nicht darum, von oben herab eine „korrekte Erinnerung“ zu konstruieren. Noch vor Gründung des belgischen Weltkriegsmuseums wurde das ehrgeizige Projekt fallen gelassen.
Dass aber Leidenschaft, die noch brennt, ein schlechter Ratgeber für jemanden sei, der gewissenhaft Wissenschaft ausüben will, dem kann ich heute laut und deutlich widersprechen. Meensel-Kiezegem, wo die Zahl der Opfer nochmal um ein Zehnfaches höher liegt als im belgischen Durchschnitt, eröffnet ein Museum, das eine ausgewogene, von der Geschichtsschreibung dokumentierte Deutung der dramatischen Tage des August 1944 darstellt.
Nach Definition des international Council of Museums ICOM ist ein Museum „eine dauerhafte Ausstellung, nicht ausgerichtet auf Gewinn, Zugänglichkeit der Öffentlichkeit, dem Zusammenleben und seiner Entwicklung verpflichtet.“ Es gibt noch weitere Kriterien, über Sammlungen, die Verwaltung und die wissenschaftliche Forschung, die notwendig ist, um das Erbe verantwortlich darzustellen. All diese Punkte stellen für dieses Museum kein Problem dar, eher im Gegenteil.
Hoffentlich hört die flämische Regierung das, denn Flandern begibt sich heute auf den Weg auf derselben Grundlage, Museen einen offiziellen Status und die dazugehörenden Unterstützungsgelder zu bewilligen.
Zum einen erhält Flandern so die Möglichkeit, die unzureichende Darstellung der Kriegsjahre zu korrigieren. Ich verweise dazu nochmals auf die nach dem Kollaborateur Cyriel Verschaeve benannten Straßen, darauf, dass lange Zeit in Flandern mehr des Schicksals der Geiseln gedacht wurde als derer, die während der Besetzung gelitten haben. Für die ausländischen Vertreter: In Flandern ist es allgemein üblich, die nach dem Krieg bestraften Kollaborateure als Opfer zu bezeichnen. Mit diesem Museum gebt ihr denen ein Gesicht, eine Stimme, die eigentliche Opfer der Besetzung waren. Sie anzuerkennen bedeutet geistige Gesundung. Es ist notwendig, um unseren moralischen Kompass für die vierziger Jahre scharf einzustellen.
Der zweite Grund ist allgemeingültig. Man muss nicht unbedingt reisen, um die Welt kennenzulernen. Er liegt für jeden hier auf der Dorfstraße, sowohl bei schönen Dingen als auch hässlichen. In Meensel-Kiezegem, nicht so sehr in Sarajevo oder Ruanda in den neunziger Jahren. Das Museum zeigt, wie sich normale Menschen in einem System radikalisieren, wie brüchig das Zusammenleben ist und wie der Krieg eine lokale Gemeinschaft mit brutaler Gewalt zerbrechen kann. In Zeiten der Polarisierung, des Extremismus und großer demokratischer Spannungen gewinnt das Museum an erheblicher Bedeutung. Es hat eine große Signalfunktion, fördert das Zusammenleben und seine Entwicklung.
Der dritte Grund schließlich ist eher emotional, und genau daher von grundsätzlicher Bedeutung. Dieses Museum, Meensel-Kiezegem im Allgemeinen und besonders Jozef Craeninckx als letzter Zeitzeuge beweisen, wie eine Gemeinschaft trotz dramatischer Ereignisse den Faden schließlich wieder zurückrollen kann. Vor Kurzem kam es zu einem Treffen zwischen Jozef Craeninckx und ein paar Angehörigen eines der Täter, die für die Razzien von 1944 verantwortlich waren. Sie sind heute auch hier. Die Begegnung verlief ruhig, gefasst und wiederholbar. Es ist für uns alle vorbildlich.
Der Krieg, der uns im Sterben trennte, kann uns heute zusammenbringen. Trotz der Leidenschaft, die noch brennt, gelingt Meensel-Kiezegem, während vor 75 Jahren die Idee eines Weltkriegsmuseums zerbrach.
Anerkennung an die Organisation, die es ermöglichte. Anerkennung an alle Opfer, die den Krieg nicht überlebten und die, die zurückkamen. Anerkennung für Jozef Craeninckx. Ihr seid Hüter der Hoffnung und des Friedens. Wir können, wir müssen allemal daraus lernen.
Koen Aerts (Historiker der Universität Gent)

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