Uns erreichte die traurige Nachricht, dass am 5. Juli Ludwig Baumann im 97. Lebensjahr verstorben ist. Der hochbetagte Vorsitzende ist seit 1990 Herz, Motor und Stimme der Opfervereinigung gewesen. Sein unermüdliches Engagement hat zur gesellschaftlichen Anerkennung und gesetzlichen Rehabilitierung der Kriegsdienstverweigerer, Wehrkraftzersetzer und Deserteure der Wehrmacht geführt. Sein authentisches Wirken, sein Einsatz für Gerechtigkeit, Frieden und Gewaltfreiheit ist ein wichtiger Impuls für die zivilgesellschaftliche Entwicklung gewesen. Ludwig Baumann wird uns und geschichts- bewussten, kritischen Teilen der bundesdeutschen Gesellschaft, die ihm für sein Lebenswerk sehr dankbar sind, in lebendiger Erinnerung bleiben.
Ludwig Baumann wurde am 13. Dezember 1921 in Hamburg-Dammtor geboren. Als Sohn eines gut situierten Kaufmanns aufgewachsen, änderte sich sein Leben mit dem Tod der geliebten Mutter 1936. Er rebellierte fortan gegen Autoritäten, vor allem gegen die Werber der Hitler-Jugend, die ihn schon als Maurerlehrling auf der Baustelle nervten. Aber die staatliche Zwangsverpflichtung holte ihn trotz aller Widerständigkeit ein: Nach Reichsarbeitsdienst beim Deichbau in Ostpreußen folgte im Februar 1941 die Einberufung zur Kriegsmarine in Belgien. Nach dem Überfall auf die Sowjetunion im Juni 1941 folgte die Verlegung nach Bordeaux, wo er als Wachsoldat einer Hafenkompagnie eingesetzt wurde. Der 19jährige lernte Kurt Oldenburg kennen, etwas jünger und ebenfalls aus Hamburg. Die Bilder der Wochenschauen im Soldatenkino ließen die beiden fragen, was denn mit den Millionen russischen Kriegsgefangenen ist, die im eisigen Winter auf freiem Feld ausharren müssen? Der Entschluss, diese Kriegsverbrechen nicht mitzumachen, reifte und wurde umgesetzt. Die beabsichtigte Desertion aus der Wehrmacht endete im Juni 1942 mit Gefangennahme, Verurteilung zum Tode, 10-monatiger Haft in der Todeszelle, dann „Begnadigung“ zu KZ-Haft und „Bewährung“ im Strafbataillon. Kurt Oldenburg überlebte die Schrecken des Kriegs nicht. Ludwig Baumann nach Erleiden des Angriffs- und Vernichtungskrieges kam mit Verwundungen und ganz viel Glück lebendig nach Hause zurück. Seine Hoffnung, die praktizierte Widerständigkeit gegen die Wehrmacht werde nach dem Kriege anerkannt, erfüllte sich nicht. Statt Anerkennung erfolgten Ausgrenzung, Verfemung und Demütigung.
Zu den Nachwirkungen des Krieges gehörten Traumata, Vermögensverlust und Trunksucht, die Ludwig Baumann erst nach dem Tod seiner Ehefrau und der Geburt des sechsten Kindes in den Griff bekam. Die aufkommende Friedensbewegung zu Beginn der 80er Jahre ermutigte ihn zum Protest gegen Ungerechtigkeit und die Widersprüche einer Weltwirtschaft, die die Kluft zwischen arm und reich stetig vergrößert und Menschen verhungern lässt. Die im Rahmen der Aufarbeitung des NS-Unrechts aufkommende Diskussion, auch den Widerstand einfacher Menschen in das Gedenken einzubeziehen, führte friedensbewegte Gruppen vielerorts dazu, mit Deserteurdenkmälern diejenigen zu würdigen, die sich dem Angriffs- und Vernichtungskrieg der Wehrmacht entzogen, widersetzt und verweigert haben und Opfer der NS-Militärjustiz wurden.
Was als Tabubruch und Provokation begann, führte nach beharrlichem Kampf zu einer konstruktiven gesellschaftlichen Debatte und der sehr späten gesetzlichen Rehabilitierung: Das NS-Unrechtsaufhebungsgesetz von 1998 rehabilitierte Kriegsdienstverweigerer und Wehrkraftzersetzer, das erste Ergänzungsgesetz 2002 pauschal homosexuelle NS-Opfer und die Deserteure der Wehrmacht, das zweite NS-Unrechtsaufhebungsgesetz 2009 schließlich auch die wegen Kriegsverrats verurteilten Opfer der NS-Militärjustiz. Ohne Ludwig Baumanns hartnäckiges und zielstrebiges Engagement, das vielfach ausgezeichnet wurde, wäre diese gesellschaftliche und politische Rehabilitierung, die eine – wenn auch marginale – Entschädigung einschloss, nicht zustande gekommen.
Ludwig Baumanns vielfältiges verdienstvolles Wirken in ungezählten Veranstaltungen, seine authentischen, lebendigen Vorträge können als Fundament dieser zivilgesellschaftlich-lebensfreundlichen Entwicklung gesehen werden. Diese gilt es unumkehrbar zu machen, dafür bleibt auch weiterhin viel zu tun. Sein autobiographisches Buch, NIEMALS GEGEN DAS GEWISSEN, das 2014 im Herder-Verlag (Freiburg) erschienen ist, regt dazu an und trägt dazu bei.
Günter Knebel
Nachruf auf Ludwig Baumann
8. Juli 2018
Stolpersteinverlegung
20. Juni 2018
Donnerstag, 20. September, 09-16 Uhr verlegt Gunther Demnig Stolpersteine im Bremer Westen, darunter Steine für Johann Lücke an der Gröpelinger Heerstraße, Eduart Ickert an der Humannstraße, Karl Klappan am Breitenbachhof.
Gedenken an das KZ Mißler
20. Juni 2018
Donnerstag, 13. September, 12 Uhr Volkshaus (Hans-Böckler-Straße) Christian Gloede (GEW) über Gewerkschaften im Visier des Faschismus damals und heute, das Rote Krokodil spielt traditionelle Arbeiterlieder Anschließend führt Angela Piplak (Kulturhaus Brodelpott) eine Antifaschistische Radtour auf den Spuren des Schicksals der 1933 inhaftierten Gewerkschafter, Kommunisten und Sozialdemokraten, vom Volkshaus, über den früheren Spielplatz an der Nordstraße, den Steffensweg und die Waller Heerstraße/Ecke Gerdstraße zum Bunker Admiralstraße und zur Gedenktafel für die im KZ-Mißler-Inhaftierten in der Walsroder Straße. Am Bunker Admiralstraße und an der Walsroderstraße stellen SchülerInnen der OS Findorff Biographien in Mißler Inhaftierter vor. Im Anschluss an die Blumenniederlegung erinnern Ulrike Pala (Leiterin Ortsamt West), Gönül Bredehorst (Beiratssprecherin Findorff) und Raimund Gaebelein (VVN-BdA) an der Gedenktafel für die im KZ Mißler Inhaftierten an die massenhafte Festnahme, Erniedrigung und Folterung organisierter Arbeiter durch die Nazis.
Gedenkveranstaltung für die Opfer von Faschismus und Krieg
20. Juni 2018
Sonntag, 09. September, 10 Uhr Ostertorwache Gedenkveranstaltung für die Opfer von Faschismus und Krieg. Anschließend lesen Karin Pfitzner-Brauer und Marion Bonk aus den Gefängnisbriefen von Heinrich Buchholz, der 1933 – 1938 wegen Fortführung der Tätigkeit der von den Faschisten verbotenen KPD im KZ Mißler, in der Ostertorwache und im Zuchthaus Oslebshausen inhaftiert war. 14 Uhr Ausstellung der Grabungsfunde der ersten KZ-Baracke im Schützenhof (Brombergerstraße 117).
Mahnwache für Hiroshima und Nagasaki
20. Juni 2018
Montag, 06. August, 12 bis 13 Uhr, Bremen, Marktplatz, Mahnwache zum 73. Jahrestag der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki
Veranstaltung zum Antikriegstag
20. Juni 2018
Freitag, 31. August, 18 Uhr, DGB-Haus Bremen, Veranstaltung zum Antikriegstag mit Wolfgang Lemb, Hauptvorstand der IG Metall. Am Samstag, 01.September, spricht er nach der Antikriegsdemonstration um 12 Uhr mittags bei der Kundgebung zum Antikriegstag auf dem Marktplatz.
Besuch der NCPGR Meensel-Kiezegem 44
20. Juni 2018
Sonntag, 26. August, 14 Uhr auf Bahrs Plate und am Bunker Farge Blumengebinde niederlegen und Gedichte von Ina Stabergh auf Flämisch und Deutsch, gemeinsam mit 48 Angehörigen der NCPGR Meensel-Kiezegem 44, zur Erinnerung an ihre in den Bremer Neuengamme-Außenlagern umgekommenen Familienmitglieder. Für Außenstehende immer wieder überraschend der Fahnenappell und die belgische Nationalhymne.
Sommerausfahrt der VVN-BdA nach Bergen-Belsen
20. Juni 2018
Sonntag, 05. August, 10 Uhr ab Linkstreff West, Gröpelinger Heerstraße 120/Ecke Moorstraße Sommerausfahrt zur KZ-Gedenkstätte Bergen-Belsen Ausstellung Kinder im KZ. Wir wollen in Fahrgemeinschaften dorthin fahren. Interessierte melden sich bitte bei Raimund unter (0421) 6163215 oder 0176/4986 5184 (bitte Bescheid geben, ob PKW und Plätze für Mitf.).
Spurensicherung eines Grenzgängers
15. Mai 2018
„Auch Band II durchzieht die Aufdeckung der Naziverbrechen, den Alltag der Judenverfolgung und Umgang mit Taten und Tätern in der BRD und deren Folgen bis heute. Doch sein kritischer Blick richtet sich auch auf Praktiken und Versäumnisse der DDR, ohne diese mit der Schlussstrich- Mentalität der Bundesrepublik auf eine Stufe zu stellen. Zahlreiche Zeugnisse belegen die strukturellen, personellen und ideellen Kontinuitätslinien aus der Zeit vor dem ersten Weltkrieg über die Weimarer Republik zur faschistischen Diktatur und von dort in die BRD. So werden auch Erklärungen für antisemitische, rassistische und antidemokratische Verhaltensweisen angeboten, im Alltag die persönliche Bereicherung und der Karrieredrang der „Arisierungsgewinner“ nachgewiesen. Er ist auch der diffizilen Problematik der „roten Kapos“ nicht ausgewichen, wozu er differenzierende Wertungen anbietet und davor warnt, die grundsätzliche Unterscheidung zwischen den eigentlichen Tätern und ihren Opfern nicht preiszugeben. Nachgewiesen werden die Einbindung der Wehrmacht (einschließlich führender Vertreter der Verschwörung des 20. Juli“) in die Kriegsverbrechen, der Wirtschaftsbosse in die Ausplünderung und unmenschliche Ausbeutung. Das verbindet sich mit Polemik gegen die Verharmloser wie Götz Aly, Christopher Clark und andere. Nicht zuletzt die polemischen Repliken zeugen zugleich von Wollenbergs großer Belesenheit. Eine beträchtliche Anzahl der Beiträge ist Personen gewidmet oder ranken sich um das Wirken von Personen, die ihn als Streiter für Demokratie und sozialen Fortschritt besonders beeindruckt haben, die er als seine Mentoren oder Wegbegleiter würdigt: Willy Brandt, Hermann Brill, Walter Fabian, Hellmut von Gerlach, Arno Klönne, Hermann Glaser, Ada und Theodor Lessing, Peter Weiss – um nur einige zu nennen. Ihn beschäftigte indes auch die Biografik jener Leute, die nicht in den Kreis bekannter Repräsentanten vorgestoßen sind. Das verbindet sich mit Erörterungen zu kollektivbiografischen Problemen, zur Methodologie der Erforschung bestimmter Kohorten von Arbeiterpersönlichkeiten und deren Typologisierung“…
Jörg Wollenberg, Die andere Erinnerung. Spurensicherung eines widerständigen Grenzgängers. Eine Spurensuche, Bd. II, Sujet Verlag, Bremen 2017, 356 S.; m. e. DVD als Ergänzung zu Bd. I u. II, 356 S., 50,00 Euro.
Günter Benser in ZEITSCHRIFT MARXISTISCHE EREUERUNG Nr 112, Dez. 2017,S. 208-213
Kurt Nelhiebel erhält das Bundesverdienstkreuz
15. Mai 2018
Der Bremer Autor und Journalist Kurt Nelhiebel erhielt am 18. April im Kaminsaal des Rathauses das Bundesverdienstkreuz am Bande. Er war Redakteur und später Nachrichtenchef bei Radio Bremen. In den 1960er-Jahren schrieb er unter dem Pseudonym Conrad Taler über den Auschwitz-Prozess am Frankfurter Landgericht. Nelhiebel wuchs in Nordböhmen auf, einem Gebiet, das heute zu Tschechien gehört. 1965 kam er nach Bremen. Er veröffentlichte zahlreiche Bücher über die jüngere deutsche Geschichte, über wieder erstarkenden Nationalismus und Rechtsextremismus. Sein Werk gilt „dem Kampf gegen den Nazi-Ungeist und der Erinnerung an ermordete Widerstandskämpfer und alle anderen Opfer des Nationalsozialismus.“ Kurt bezog Position und scheute streitbare Thesen nicht: 2014 erhielt er den Friedenspreis der Villa Ichon…
Herkunft
Wenn später jemand fragen sollte,
wo kam der Mann denn her,
der alle gern versöhnt sehn wollte,
dann sagt ihm ungefähr:
Wo sich die Menschen einst vertrugen,
wo Schwäche fand Applaus,
bevor die Eintracht sie erschlugen,
dort war er einst zu Haus.
Wo blaue Berge sich erhoben
aus einem Wäldermeer,
wo sich zwei Welten eng verwoben,
aus Böhmen stammt er her.
K.N.
Auszug BAF 06/07.18




