Vortrag: Die vergessenen Widerstandskämpfer

22. August 2007

Wenn bei offiziellen Feierlichkeiten von Widerstand gegen das Nazi-Regime die Rede ist, dann wird mit Sicherheit der Offiziere der deutschen Wehrmacht gedacht, die am 20. Juli 1944 das misslungene Attentat gegen Hitler unternommen haben.

Wenn bei offiziellen Feierlichkeiten von Widerstand gegen das Nazi-Regime die Rede ist, dann wird mit Sicherheit der Offiziere der deutschen Wehrmacht gedacht, die am 20. Juli 1944 das misslungene Attentat gegen Hitler unternommen haben. Dass der Widerstand gegen den Hitler-Faschismus sehr viel früher begonnen hat und daß er von Menschen getragen wurde, die, anders als die Männer des 20. Juli, an den Verbrechen der deutschen Wehrmacht nicht teilgenommen haben, wird im öffentlichen Bewußtsein der bundesdeutschen Bevölkerung seit jeher unterdrückt. Vor allem wird verschwiegen, daß die Kommunisten im Widerstand gegen das Nazi-Regime eine herausragende Rolle gespielt haben, daß sie neben linken Sozialdemokraten und Antifaschisten aus anderen politischen Parteien die meisten Kämpfer gestellt haben, aber auch die meisten Opfer bringen mußten.

Immer wenn sich die Machtübernahme der Nazis im Jahre 1933 jährt, wird gern der mutigen Rede des sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten Wels und der Ablehnung des Ermächtigungsgesetzes durch die aus 120 Abgeordneten bestehenden SPD-Fraktion gedacht. Aber wer von der jüngeren Generation weiß, daß bei der Wahl vom 5.März 1933, der Zeitungs- und Demonstrationsverbote, Verhaftungen und Ermordungen von Kommunisten vorangegangen waren, noch 81 Kommunisten in den Reichstag gewählt und dann von der Nazi-Regierung verhaftet wurden, um die Mehrheit für Hitlers Ermächtigungsgesetz zu ermöglichen? Wer von den Jüngeren weiß, dass von den rund 300.000 KPD-Mitgliedern des Jahres 1932 etwa 150.000 mehr oder weniger lange in Haft waren und dass bis zum Ende der Nazi-Zeit etwa 20.000 deutsche Kommunisten ermordet worden sind?

Dass nicht nur Hitlers, sondern auch Stalins Schergen Tausende deutscher in die Sowjet-Union geflüchteter Kommunisten umgebracht haben, bildet ein besonders trauriges Kapitel der Geschichte des 20. Jahrhunderts. Die Geschichtsschreiber der herrschenden Klasse haben in ihrer antikommunistischen Grundtorheit Stalins Terror nicht als entsetzliche Fehlentwicklung des Sozialismus begriffen, sondern als Normalität der sozialistischen Gesellschaftsordnung hingestellt. Es wäre an der Zeit, auch die von Stalinisten ermordeten Kommunisten als Widerstandskämpfer und als zum Schweigen gebrachte Hoffnungsträger für einen besseren Sozialismus zu würdigen.

Der Massenmord an deutschen Kommunisten und Sozialisten, diesen entschiedensten Gegnern des kapitalistischen Wirtschaftssystems, kommt in dem, was die Masse der deutschen Zeitgenossen über Geschichte weiß, nicht vor. Geschichte wird von den Herrschenden geschrieben und gelehrt. Und mit ihrer Medienmacht hat die herrschende Klasse ein öffentliches Bewusstsein hergestellt, in dem der von Kommunisten, linken Sozialdemokraten, Pazifisten und anderen Antifaschisten geleistete Widerstand nicht die ihm zukommende Hochachtung erfährt.

Ich will zwei Beispiele dafür nennen, wie das kollektive Wissen vom deutschen Widerstand gegen das Naziregime manipuliert worden ist.

Als Mitte der 80er Jahre eine Gedenktafel für die von den Nazis ermordeten Reichstagsabgeordneten angebracht werden sollte, wollte der damalige Hausherr, Bundestagspräsident Philipp Jenninger (CDU), verhindern, dass die Parteizugehörigkeit der Ermordeten angegeben wurde. Es sollte nicht daran erinnert werden, daß von den 83 ermordeten Reichstagsabgeordneten 33 Sozialdemokraten und 40 Kommunisten waren.

Ähnliches spielte sich in Hamburg ab. Auch hier wollte man auf der im Rathaus angebrachten Ehrentafel die Parteizugehörigkeit und sogar die Namen der von den Nazis ermordeten Bürgerschaftsabgeordneten verschweigen. Hier sind sie:

Dr. Max Eichholz (Deutsche Staatspartei) Dr. Kurt Adams (SPD) Adolf Biedermann (SPD) Dr. Theodor Haubach (SPD) Otto Schumann (SPD) Etkar Andé (KPD) Bernhard Bästlein (KPD) Gustav Brandt (KPD) Hugo Eickhoff (KPD) Hermann Hoefer (KPD) Franz Jacobs (KPD) Fritz Lux (KPD) Adolf Panzner (KPD) August Schmidt (KPD) Theodor Skorzisko (KPD) Hans Westermann (KPD) und Ernst Thälmann (KPD).

Nur ein paar Namen von vielen tausend ermordeten Widerstandskämpfern, die auf keinem Gedenkstein eingemeißelt und in keiner Feierstunde genannt werden.

Oder wer weiß noch, wer Robert Stamm war? Im Jahr 1900 in Remscheid geboren wuchs er in einer sozialdemokratischen Arbeiterfamilie auf und schloss sich während seiner Lehre als Werkzeugschlosser der Spartakusgruppe um Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht an. 1919 trat er der KPD bei und nahm 1920 an den Abwehrkämpfen gegen den Kapp-Putsch teil. In den folgenden Jahren verschiedene Funktionen in der KPD und bei kommunistischen Zeitungen. 1930 bis 1933 leitete er in Bremen den Bezirk Nord-West. Er gehörte zu denen, die den Deutschen rechtzeitig gesagt haben: „Wer Hitler wählt, wählt den Krieg.“ Im Juli 1932 wurde er als Abgeordneter für den Wahlkreis Weser-Ems in den Reichstag gewählt. Am 7. Februar 1933 nahm er an der illegalen Tagung des Zentralkomitees der KPD im Sporthaus Ziegenhals bei Berlin teil, auf der Ernst Thälmann seine letzte Rede gehalten hat. Er entging nach 1933 zunächst der Verhaftung und konnte illegale politische Arbeit leisten. Erst 1935 wurde er durch die Gestapo verhaftet, schwer gefoltert und schließlich nach langer Haftzeit wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ angeklagt. Am 4.Juni 1937 wurde er vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt und am 4.November 1937 in Berlin-Plötzensee hingerichtet.

Die Bremer KPD nannte ihr Parteihaus in der Lindenhofstraße, das von den Nazis enteignet und nach dem Zusammenbruch des Hitler-Reichs im Wege der Wiedergutmachung faschistischen Unrechts zurückerstattet worden war, nach dem von den Nazis ermordeten Widerstandskämpfer Robert Stamm-Haus. Am 17.August 1956 wurde das Robert Stamm-Haus durch das auf Antrag der Regierung Adenauer ergangene KPD-Verbotsurteil des Bundesverfassungsgerichts zum zweiten Mal enteignet. Ich habe als Anwalt von KPD-Genossen, die das Haus auf eigene Kosten instand gesetzt hatten, beim Bremer Verwaltungsgericht vergeblich um die Freigabe gekämpft.

Es gibt in Bremen kein Robert Stamm-Haus mehr, nur eine Stammstraße, und man darf rätseln, ob sie nach Robert Stamm benannt ist. Wenn sie Robert Stamm-Straße geheißen hätte, wäre sie wahrscheinlich längst umbenannt.

Ich habe Robert Stamm hier als Beispiel für etwa 20.000 von den Nazis ermordete Kommunisten angeführt, von denen heute kaum noch jemand etwas weiß. Aber auch die Überlebenden des faschistischen Mordsystems sind in Vergessenheit geraten. Oder richtiger: was sie in der Zeit der Naziherrschaft erlitten haben, jahrelange Einsperrung und Mißhandlungen in Konzentrationslagern, Gefängnissen und Zuchthäusern, Demütigung und Not der Familien, ist aus dem kollektiven Bewusstsein verdrängt worden.

Es hat nach dem Zusammenbruch des Hitler-Reichs 1945 in den Westzonen nur eine kurze Zeit der politischen Windstille gegeben, in der die überwältigende Mehrheit der Deutschen, die ihrem Führer zugejubelt hatten, nicht recht wussten, in welchen Wind sie ihr Fähnchen nun hängen sollten. Es war die Zeit, in der Menschen, die den Nazi-Terror in Zuchthäusern und Konzentrationslagern überlebt hatten, auch in Westdeutschland in verantwortungsvolle politische Positionen berufen wurden und am Wiederaufbau demokratischer Strukturen mitgewirkt haben. Es war die Zeit, in der man gern darauf verwies, daß es auch während der Nazi-Herrschaft ein anderes Deutschland gegeben hatte, Menschen, die sich dem staatlichen Unrecht widersetzt und dafür tausendfach mit Verlust ihrer Freiheit oder Verlust ihres Lebens bezahlt haben.

Aber in Herrn Adenauer fanden die Westdeutschen eine neue Identifikationsfigur, einen Bundeskanzler, der dafür plädierte, mit der „Naziriecherei“ Schluß zu machen, und den Kommentator der Judengesetze zu seinem Staatssekretär ernannte. Mit Adenauer und seinem Anhang hatten die Westdeutschen wieder eine konservativ und national gesinnte Obrigkeit, die dafür sorgte, daß die von den Siegermächten aus ihren Ämtern entfernten Beamten und Richter zurückkehren konnten, dass die als Kriegsverbrecher verurteilten Hitler-Generäle begnadigt und zum Aufbau der Bundeswehr herangezogen wurden. Adenauer machte auch die antikapitalistischen Aussagen des CDU-Programms von 1947 vergessen, das dem kapitalistischen Gewinn- und Machtstreben eine klare Absage erteilt hatte. Und so konnten auch die Wirtschaftsbosse der großen Konzerne ihre Chefsessel wieder einnehmen, die sie wegen ihrer Unterstützung von Hitlers Kriegswirtschaft, wegen der Lieferung von Giftgas für den Judenmord und wegen der Ausbeutung von Zwangsarbeitern vorübergehend hatten räumen müssen. Damit waren die alten Machtverhältnisse wiederhergestellt, gegen die Kommunisten und andere Antifaschisten vergeblich gekämpft hatten, und das Personal wieder beisammen, das in den Jahren der Naziherrschaft Widerstandskämpfer verfolgt, eingesperrt und ermordet hatte.

Die unter dem Namen Restauration in die Geschichte eingegangene Rückwärtsentwicklung der bundesdeutschen Geschichte unter der Regierung Adenauer war verbunden mit einer unglaublichen Regression des kollektiven Bewusstseins der westdeutschen Bevölkerungsmehrheit. Adenauer war mit seinem militanten Antikommunismus und durch die Berufung des Herrn Globke und anderer Naziverbrecher mit schlechtem Beispiel vorangegangen. Und so traute man sich wieder, an alte Denkinhalte anzuknüpfen, die vorübergehend in Verruf geraten waren. Und binnen weniger Jahre hatten Millionen Bürger der BRD vergessen, daß sie 1945, als der fürchterlichste aller bisherigen Kriege noch in frischer Erinnerung war, mehrheitlich in dem Bekenntnis „Nie wieder Krieg! Nie wieder Faschismus!“ einig gewesen waren.

Diese kollektive Gehirnwäsche gelang mit Hilfe einer Medienkampagne, die Adenauers Kommunistenhass und die Angst vor einem militärischen Überfall der Sowjet-Union in die Köpfe der Westdeutschen hämmerte. Nur wenige haben sich damals daran erinnert, dass die Methode dieser Hasspropaganda schon in Hitlers „Mein Kampf“ nachzulesen war, der dort über die „Kunst der Propaganda“ doziert hat, dass sie sich auf das Niveau des Beschränktesten einzustellen und einfachste Schlagworte tausendfach zu wiederholen habe,. Heute ist kaum noch vorstellbar, dass man in der Adenauer-Zeit den immer wiederholten absurden antikommunistischen Parolen wie „Die Russen kommen!“ oder „Lieber tot als rot“ kaum widersprechen konnte, ohne sofort als Sympathisant oder „nützlicher Idiot“ der Kommunisten abgestempelt zu sein.

Und so dauerte es nicht lange, bis die im Geiste des Hitler-Faschismus bewährte Mehrheit und deren Erziehungsprodukte wieder die Herrschaft über die Köpfe übernahmen und die Widerständler der deutschen Linken nach den alten Mustern der Goebbels-Propaganda diffamiert, kriminalisiert und aus dem politischen Meinungsbildungsprozess ausgeschlossen wurden. Spätestens mit dem Adenauer-Erlass vom September 1950, der die Vereinigung der Verfolgten des Nazi-Regimes zur kommunistischen Tarnorganisation und eine Mitgliedschaft für unvereinbar mit den Dienstpflichten eines Beamten erklärte, war die Rückkehr zu den alten Machtverhältnissen im Staatsapparat eingeleitet. Eine Entwicklung, die mit dem sogenannten 131er-Gesetz fortgesetzt wurde, das den wegen ihrer Nazi-Belastung aus dem Dienst entfernten Beamten einen Rechtsanspruch auf Wiedereinstellung verlieh.

Da kamen sie alle wieder, die als Gefolgsleute Hitlers den Massenmord an den Juden, Kommunisten, linken Sozialdemokraten, Zeugen Jehovas, Zigeunern und anderen mißliebigen Bevölkerungsgruppen zu verantworten hatten, die als Staatsanwälte und Richter einem Unrechtsregime gedient und Todesurteile gegen Widerstandskämpfer beantragt und gefällt hatten. Und sie nutzten ihre Positionen im Staatsapparat, insbesondere in der Justiz, um ihren alten Kameraden zu bescheinigen, dass deren Verbrechen verzeihlich und keineswegs karrierehindernd waren. Die restaurierte herrschende Klasse und ihre Medien sorgten dafür, dass ihre Verbrechen aus dem öffentlichen Bewusstsein so weit wie möglich getilgt und die Verdienste der ermordeten und der überlebenden Widerstandskämpfer, mit Ausnahme der Militäropposition, in Vergessenheit gerieten.

Die Verfolgten des Naziregimes sahen sich erneut ihren alten Verfolgern in den Machtpositionen des nunmehr als „freiheitlich-demokratisch“ firmierenden Staates gegenüber. Und die Verfolgten von einst wurden wiederum zu Verfolgten.

Es begann mit dem Verbot von Organisationen, die als „kommunistische Tarnorgansationen“ diffamiert wurden. Das betraf auch die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN), in der Kommunisten, wie es nicht anders sein konnte, die Mehrheit bildeten. Das Verbot der VVN auf Bundesebene scheiterte allerdings beim Bundesverwaltungsgericht, das die Sache vertagte, ohne einen neuen Termin anzuberaumen, nachdem sich herausgestellt hatte, dass der Vorsitzende des zuständigen Senats ein ehemaliges Mitglied der SA und der NSDAP war.

Das änderte aber nichts daran, dass die VVN in der Verwaltungspraxis als verfassungsfeindliche Organisation behandelt wurde. Als ich im September 1950 meine Einstellung als Gerichtsreferendar in den Bremer Justizdienst beantragte, um die Voraussetzung für die spätere Zulassung als Rechtsanwalt zu erfüllen, musste ich die von der Adenauer-Regierung verfügte schwarze Liste unterschreiben, in der alle „kommunistischen Tarnorganisationen“ aufgeführt waren, in der Mitglied zu sein mit den Pflichten eines bundesdeutschen Beamten unvereinbar war. Zu meinem Glück war ich nicht Mitglied der VVN, sonst hätte ich nie Rechtsanwalt werden können. Der Begriff Berufsverbot war noch nicht erfunden, aber es wurde schon praktiziert.

Dann kam das 1.Strafrechtsänderungsgesetz von 1951, mit dem eine von alten Nazis majorisierte Justiz die radikale – und das heißt: die an die Wurzeln gehende – Opposition gegen Adenauers Politik der Remilitarisierung und Renazifizierung abstrafte und unterdrückte. Eine Gesinnungsjustiz, die nicht nur Kommunisten betraf, sondern oppositionelle Meinungsäußerungen und Aktivitäten schon dann als staatsgefährdend und verfassungsfeindlich definierte, wenn diese mit kommunistischen politischen Forderungen inhaltlich übereinstimmten (Konsensschuldvorwurf) oder in organisatorischer Gemeinsamkeit mit Kommunisten geäußert wurden (Kontaktschuldvorwurf).

Und mit dem KPD-Verbot von 1956 wurde schließlich die von der herrschenden Klasse nur widerwillig geduldete legale Existenz dieser Partei erneut beendet und ein Straftatbestand in Kraft gesetzt, der jede politische Betätigung von Kommunisten und Nichtkommunisten, die nach Meinung der Staatsanwälte und Richter den Interessen der verbotenen KPD oder der als deren Ersatzorganisation definierten SED diente, mit Strafe bedrohte.

Aus der Masse der Strafverfahren, die sich in den Jahren 1951 bis 1968 gegen 150.000 bis 200.000 Personen richteten, will ich nur eines herausheben, an dem ich selbst als Verteidiger mitgewirkt habe.

Von November 1959 bis April 1960 fand vor dem Landgericht Düsseldorf das Strafverfahren gegen führende Persönlichkeiten des Friedenskomitees der Bundesrepublik Deutschland statt. Zu den Angeklagten gehörte ein Kommunist, der schon im Nazi-Reich als Widerstandskämpfer wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ verurteilt wurde, der ehemalige Pfarrer Erwin Eckert, Jahrgang 1893, SPD-Mitglied von 1911 bis 1931, danach Mitglied der KPD. Als Kriegsgegner aus dem 1. Weltkrieg zurückgekehrt wurde er 1919 Stadtvikar in Pforzheim, später Pfarrer in Meersburg und ab 1927 in Mannheim. Wegen seines Eintritts in die KPD wurde er von seiner Kirche aus dem Pfarramt entlassen. Er hielt Vorträge, in denen er gegen die Gefahr des Hitler-Faschismus und des Militarismus Stellung bezog. Er sprach zum Thema „Wer Hitler wählt, wählt den Krieg“. Nach dem Reichstagsbrand im Februar 1933 wird er zum ersten Mal verhaftet und sechs Monate eingesperrt. Im Juni 1936 folgt die zweite Verhaftung, Anklage und Verurteilung zu langjähriger Zuchthausstrafe. Nach dem Ende des Nazi-Reichs wird er Vorsitzender der KPD in Südbaden und Staatsrat in der Regierung Südbadens. Von 1947 bis 1952 Abgeordneter im ersten badischen Landtag, dann bis 1956 Angeordneter im baden-württembergischen Landtag. 1949 kandidiert Eckert als Kommunist für das Amt des Oberbürgermeisters in Mannheim, der Stätte seines einstigen Wirkens als Pfarrer, und erhält, obwohl der Gegenkandidat von SPD, CDU und FPD unterstützt wird, 35 % aller abgegebenen Stimmen.

Seine Arbeit im Friedenskomitee verstand Eckert als logische Fortsetzung seiner aus dem Erleben des 1. Weltkriegs resultierenden Friedensarbeit in der Vor-Hitler-Zeit. Für den Staatsanwalt war Eckerts Friedensarbeit nur eine Tarnung für seine eigentliche Absicht, die Diktatur des Proletariats und die kommunistische Weltrevolution herbeizuführen. Er warf Eckert vor, er benutze „seine Gabe, brillant zu formulieren und die in der Öffentlichkeit bekannte Tatsache, daß er früher Pfarrer gewesen ist, verbunden mit seinen dialektischen Fähigkeiten, um viele Personen dem kämpferischen Kommunismus zuzuführen, die diesen Weg nicht gegangen wären, wenn er von dem Angeklagten nicht so hervorragend getarnt worden wäre.“ Das Gericht, bestehend aus drei Berufsrichtern und zwei Schöffen, war der gleichen Ansicht und weigerte sich, die von der Verteidigung vorgelegten Beweismittel über die Friedensarbeit der Angeklagten überhaupt zur Kenntnis zu nehmen und lehnte unsere Beweisanträge ab. Auf dem Hintergrund des im CDU-Staat herrschenden antikommunistischen Zeitgeistes konnten sie die Friedensarbeit von Kommunisten nur als Tarnung ihres wahren Zieles verstehen, die BRD gegenüber dem drohenden Überfall der Sowjets wehrlos zu machen. Dass in Düsseldorf nicht nur Kommunisten, sondern auch Nichtkommunisten auf der Anklagebank saßen und dass die Verteidigung etwa 50 Zeugen aus der Weltfriedensbewegung präsent gestellt hatte, die der angeblichen Verfassungsfeindlichkeit des Friedenskomitees widersprachen, beeindruckte die Richter und Schöffen in keiner Weise. In ihren Augen waren das eben alles „nützliche Idioten“, die sich von den Kommunisten über deren wahre Absichten hatten täuschen lassen. Das Urteil gegen Eckert lautete auf neun Monate Gefängnis – zur Bewährung ausgesetzt – wegen Rädelsführerschaft in einer verfassungsfeindlichen Vereinigung (damaliger § 90 a).

Wenn ich Erwin Eckert als Beispiel für vergessene Widerstandskämpfer anführe, soll das nicht heißen, dass niemand mehr wüsste, wer Erwin Eckert war. In dem von Friedrich-Martin Balzer 1993 im Pahl-Rugenstein-Verlag herausgegebenen Buch „Ärgernis und Zeichen“ mit dem Untertitel „Erwin Eckert – Sozialistischer Revolutionär aus christlichem Glauben“ haben 15 Autoren, darunter Theologen und Wissenschaftler wie Hans-Werner Bartsch, Frank Deppe, Georg Fülberth, Hans Heinz Holz und Helmut Ridder, dieser bedeutenden Persönlichkeit des deutschen Widerstands gedacht. Und das ist nicht die einzige Veröffentlichung über Eckert. Aber im kollektiven Bewusstsein der Zeitgenossen kommt er ebensowenig vor, wie der sozialistische Widerstand überhaupt.

Der Düsseldorfer Prozeß gegen die deutschen Repräsentanten der Weltfriedensbewegung fand in der internationalen Presse große Beachtung, während die westdeutsche Öffentlichkeit so gut wie nichts von diesem fünf Monate dauernden Prozess erfuhr. Die Unterdrückung unerwünschter Informationen funktionierte, ohne dass es dazu noch eines Propagandaministeriums bedurfte. Und wer in offiziellen Archiven nach den Prozessakten forscht, wird vergeblich suchen, da die zuständige Staatsanwaltschaft die Akten und die von uns vorgelegten etwa 600 Dokumente zur Geschichte der deutschen Wiederbewaffnung, zur Vorbereitung des nächsten Krieges und zur Opposition gegen diese Staatsaktionen als historisch uninteressant bewertet und die Vernichtung veranlasst hat.

Es wäre viel zu lernen gewesen, nicht nur aus dem eindrucksvollen Lebenslauf des antifaschistischen Widerstandskämpfers Erwin Eckert, sondern auch aus der im Düsseldorfer Prozess von 1959/60 dokumentierten Arbeit des Friedenskomitees. Schon damals hätten die Deutschen aus den von der Verteidigung vorgelegten Beweismitteln erfahren können, dass der Weltfrieden nicht, wie es die Adenauer-Propaganda behauptete, von der Sowjet-Union gefährdet wurde, sondern von den USA und deren treuestem Vasallen, der deutschen Bundesregierung. Ein Thema, das ich an anderer Stelle (Sonderdruck der Zeitschrift „Ossietzki“: „Befreiung auf amerikanisch“) ausführlicher behandelt habe. Aber wir leben noch immer in einer von den Volksverdummungsstrategien der Adenauer-Zeit beeinflussten Medienumwelt, in der geschichtliche Informationsdefizite von den Sprechern und Schreibern der herrschenden Klasse geflissentlich aufrechterhalten werden.

Doch wir sollten die Hoffnung nicht aufgeben, dass eine zukünftige Generation, die auf ihre von Adenauer repräsentierten Groß- und Urgroßväter keine Rücksicht mehr zu nehmen braucht und deren Ungeist überwunden hat, sich der Widerständler erinnern wird, die schon vor Hitler und auch nach Hitler mit dem Mut der freien Rede gegen den im kapitalistischen System wurzelnden Faschismus und Militarismus gekämpft haben. Schon Gustav Heinemann hat daran erinnert, dassdeutsche Geschichte außer Untertanengeist und Massenmord auch Widerstand, freiheitliche Rebellion und Solidarität mit Unterdrückten kennzeichnet. In diesem Geiste könnte deutsche Geschichte, beginnend mit den Revolutionären von 1848/49 bis hin zu den antifaschistischen Widerstandskämpfern des 20. Jahrhunderts, neu geschrieben werden, eine Geschichte, der wir uns nicht zu schämen bräuchten.