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Gedenkveranstaltung zum 65. Jahrestag der Befreiung

7. Mai 2010

08.05.2010

Gedenkveranstaltung zum 65. Jahrestag der Befreiung

Samstag, 08. Mai 2010, 11:00 Uhr

Bahrsplate in Bremen-Nord, Außenlager des ehemaligen KZ Neuengamme

Hierzu laden wir, das Bremer Friedensforum, die VVN-BdA, die Internationale Friedensschule und andere Organisationen, alle unsere Freundinnen und Freunde, Genossinnen und Genossen, herzlich ein, sich auch mit eigenen Beiträgen an einer würdigen Kundgebung zu beteiligen. Ansprachen, nicht länger als 5 Minuten, Gedichte, feierliche Musik, Gestecke werden Bestandteil der Veranstaltung sein. Das Gedenken an die historische Befreiung durch die Sowjetunion und ihre Rote Armee, an alle Kämpferinnen und Kämpfer der Antihitlerkoalition, des Partisanenkampfes der Resistance, und des illegalen Widerstandes, muss allen fortschrittlichen Menschen ein Herzensanliegen sein. Gemeinsam zu handeln im Sinne des Schwures von Buchenwald: „Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung. Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel. NIE WIEDER FASCHISMUS ! NIE WIEDER KRIEG !

Samstag, 08. Mai 2010, 11:00 Uhr Bahrsplate in Bremen-Nord, Außenlager des ehemaligen KZ Neuengamme Hierzu laden wir, das Bremer Friedensforum, die VVN-BdA, die Internationale Friedensschule und andere Organisationen, alle unsere Freundinnen und Freunde, Genossinnen und Genossen, herzlich ein, sich auch mit eigenen Beiträgen an einer würdigen Kundgebung zu beteiligen. Ansprachen, nicht länger als 5 Minuten, Gedichte, feierliche Musik, Gestecke werden Bestandteil der Veranstaltung sein. Das Gedenken an die historische Befreiung durch die Sowjetunion und ihre Rote Armee, an alle Kämpferinnen und Kämpfer der Antihitlerkoalition, des Partisanenkampfes der Resistance, und des illegalen Widerstandes, muss allen fortschrittlichen Menschen ein Herzensanliegen sein. Gemeinsam zu handeln im Sinne des Schwures von Buchenwald: „Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung. Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel. NIE WIEDER FASCHISMUS ! NIE WIEDER KRIEG !

Zum 65. Jahrestag der Befreiung

6. Mai 2010

es laden ein: BAL, Nordbremer Bürger gegen den Krieg und DKP Bremen-Nord

07.05.2010

Zum 65. Jahrestag der Befreiung

es laden ein: BAL, Nordbremer Bürger gegen den Krieg und DKP Bremen-Nord

Freitag, 07. Mai 2010, 19.30 Uhr

Konsul-Hackfeld Haus , Birkenstr. 34 28195 Bremen

Dort spricht die 86jährige Antifaschistin Hanna Podymachina aus Berlin. Hanna wurde als deutsche Halbjüdin Offizierin der Roten Armee, sie hatte Lautsprechereinsätze vor Stalingrad und war als Oberleutnant bei der Befreiung von Wien aktiv dabei. Zu ihren Aufgabengebieten gehörte u. a. das Verfassen von Flugblättern, Dolmetschen bei Verhören von Überläufern oder Gefangenen und die Tätigkeit als Sprecherin von Sendungen für die gegnerischen Truppen. Ihr Vater Rudolf Bernstein war hauptamtlicher Funktionär der KPD. Nach dem Reichstagsbrand 1933 wurde er verhaftet und ohne Anklage im Polizeigefängnis Alexanderplatz und anschließend im KZ Sonnenburg eingekerkert. Von dort wurde er als Zeuge zum Georgi Dimitroff-Prozess vorgeführt. Ihre Tante Else Imme wurde am 5. August 1943 in Plötzensee hingerichtet. Sie stellte ab 1938/1939 für illegale Treffen der Widerstandsgruppe um Harro Schulze-Boysen („Rote Kapelle“) ihre Wohnung zur Verfügung. Nach der Rede von Hanna werden Michael Henk und Jannes ein kulturelles Rahmenprogramm gestalten. Danach findet die Diskussion statt. Wir bitten um einen kleinen Solidaritätsbetrag von 2 Euro bzw. 1 Euro.

Freitag, 07. Mai 2010, 19.30 Uhr Konsul-Hackfeld Haus , Birkenstr. 34 28195 Bremen Dort spricht die 86jährige Antifaschistin Hanna Podymachina aus Berlin. Hanna wurde als deutsche Halbjüdin Offizierin der Roten Armee, sie hatte Lautsprechereinsätze vor Stalingrad und war als Oberleutnant bei der Befreiung von Wien aktiv dabei. Zu ihren Aufgabengebieten gehörte u. a. das Verfassen von Flugblättern, Dolmetschen bei Verhören von Überläufern oder Gefangenen und die Tätigkeit als Sprecherin von Sendungen für die gegnerischen Truppen. Ihr Vater Rudolf Bernstein war hauptamtlicher Funktionär der KPD. Nach dem Reichstagsbrand 1933 wurde er verhaftet und ohne Anklage im Polizeigefängnis Alexanderplatz und anschließend im KZ Sonnenburg eingekerkert. Von dort wurde er als Zeuge zum Georgi Dimitroff-Prozess vorgeführt. Ihre Tante Else Imme wurde am 5. August 1943 in Plötzensee hingerichtet. Sie stellte ab 1938/1939 für illegale Treffen der Widerstandsgruppe um Harro Schulze-Boysen („Rote Kapelle“) ihre Wohnung zur Verfügung. Nach der Rede von Hanna werden Michael Henk und Jannes ein kulturelles Rahmenprogramm gestalten. Danach findet die Diskussion statt. Wir bitten um einen kleinen Solidaritätsbetrag von 2 Euro bzw. 1 Euro.

13. Fahrt nach Neuengamme

geschrieben von Boris Vicca 24 Jahre (Polizeiinspektior)

6. Mai 2010

Inzwischen sind sechs Jahre vergangen, seit ich mit der Stiftung MK ’44 nach Neuengamme gefahren bin

Inzwischen sind sechs Jahre vergangen, seit ich mit der Stiftung MK ’44 nach Neuengamme gefahren bin. Dieses Jahr wird zum 65. Mal der Befreiung des KZ und des Endes des Zweiten Weltkriegs gedacht. Aufgrund äußerer Umstände konnte ich in den vergangenen Jahren nicht mitfahren. Zu diesem besonderen Jahrestag fand ich, es sei meine Pflicht mir zum Mitzufahren freizunehmen. Es war nicht einfach frei zu bekommen, aber ich bestand darauf, dass mein Urlaubsantrag bewilligt wird. Wie heißt es doch so schön: Beharrlichkeit führt zum Ziel. Ich schreibe diesen Artikel auf Bitte von Ray Gaebelein und höre dabei das Lied der Moorsoldaten. Ich möchte deutlich machen, dass das Darlegen von Gefühlen, wie ich sie in auf dieser Gedenkfahrt erfuhr, nicht so leicht fällt. Besonders nicht für einen jungen Menschen wie mir mit meiner kurzen Lebenserfahrung. Noch nicht ganz von einer Grippe auskuriert, stand ich am 2. Mai mit anderen Mitreisenden am Busbahnhof in Meensel. Ich fühlte mich nicht so besonders, unterdrückte aber den Wunsch mich zu verkriechen und fuhr mit. Wir liefen zuerst Fallingbostel an, wo sich eine britische Militärbasis befindet. Hier besuchten wir ein Armeemuseum. Es erinnerte mich ein wenig an meinen Dachboden, befand sich aber im Keller und war größer. Es war ein kurzer sanfter Einstieg. Als Nächstes hielt der Bus in Bergen-Belsen. Mir war bewusst, dass hier der Naziterror kaum greifbar war. Und doch hinterließ dieser Ort mit seinen langen flachen Hügeln, unter denen Hunderte und Tausende Opfer der Ideologie des Dritten Reichs begraben liegen, einen sehr tiefen Eindruck. Soweit man zwischen den Bäumen dieser Heidelandschaft hindurch sehen konnte, waren diese Grabhügel zu erkennen. Es wirkte wie ein beschaulicher, friedlicher Ort. Die Wahrheit, die unter der Heide begraben liegt, ist allerdings von ganz anderer Art. Auch der Russische Friedhof brauchte mich zum Verstummen. Unter der geringen Größe dieses Friedhofs liegen an die 50.000 Opfer verborgen. Diese Zahlen übersteigen mein Fassungsvermögen. Weiter ging es zum Bullenhuser Damm. Diesen Ort des Schreckens hatte ich schon auf früheren Fahrten besucht. Aber doch wird man jedes Mal wieder ganz still, wenn man in die Gedenkstätte kommt. Jedes Mal habe ich versucht mir ein Bild darüber zu machen, was sich in diesem Keller abspielte. Und immer muss ich feststellen, dass ich es nicht begreifen kann. Was geschehen ist, wirkt zu phantastisch. Als junger Mensch fühle ich mich dabei selbst ein bisschen schuldig. Weil Erwachsene den unschuldigsten aller menschlichen Wesen, den Kindern, ein so entsetzliches Unrecht angetan haben. Als Polizeibeamter habe ich auch schon tote oder schwer traumatisierte Kinder gesehen. Ob man will oder nicht, ein Kind berührt uns Polizisten sehr tief. Man erscheint von bestimmten Dingen abgestumpft zu sein, aber Kinder berühren bei uns eine empfindliche Seite. Im Rosengarten stand ich wieder vor der Tafel, uns anhält an diesem Ort zu schweigen, aber draußen darüber zu sprechen. Das geht mir durch den Kopf, wenn ich heute die Geschichte zu berichten versuche. Bei Abenddämmerung verließen wir den unheilvollen Ort. Am zweiten Tag wurden wir morgens vom Hamburger Senat erwartet. Ein prächtiges Gebäude. Bei den begleitenden Worten zu Krystinyaks Musikkomposition spürten die Gäste die Gefühle des alten Herrn. Auf phantastische Weise formte er Tonfolgen des Horst-Wessel-Lieds „Die Fahne hoch“ um in das herrliche Lied „Die Moorsoldaten“. Als dieses Lied gespielt wurde, erhoben sich alle respektvoll. Nach diesem schönen Empfang fuhren wir nach Neustadt/Holstein, von wo aus wir mit Schiffen zu der Stelle fuhren, wo genau vor 65 Jahren die Cap Arcona und die Thielbeck durch einen britischen Bombenangriff versenkt wurden. Dort, wo beide Schiffe untergingen, bildeten unsere Schiffe mit dem Bug nach innen einen Kreis. Zum Gedenken an die Opfer ließen die Schiffe ihre Sirene ertönen. Hier war nichts von dem zu spüren, was sich damals abspielte, aber die Spannung, die in diesem Moment herrschte, war gut zu fühlen. Das Aussenden der Blumen war eine schöne und ergreifende Geste. Dann folgte das Gedenken an die Opfer der Cap Arcona und der Thielbeck am Denkmal. Respektvoll folgte man der Musik des Moorsoldatenlieds. Der dritte Tag führte uns ins Stammlager Neuengamme. Im „Haus der Erinnerung“ konnten wir lange Listen mit Namen lesen. Unter dem 23. Februar 1945 findet sich zwischen vielen anderen Namen auch der meines Urgroßvaters Frans Pasteyns. Es ist ein Name unter 55.000! Aber das war doch der Name des Mannes den meine Großmutter Papa oder Vater nannte. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass mein eigener Vater ganz plötzlich aus der Familie gerissen wird, und sein Name viele Jahre später auf einem Stoffband verzeichnet ist. Es ist ganz ehrenvoll, bleibt aber doch anonym. Ein Name steht für einen Menschen. Aber genau dieser Mensch hat seine eigene Lebensgeschichte, und da ist – nichts. Für mich schon. Eines Abends fragte ich verschiedene Kriegswaisen, ob sie etwas über meinen Urgroßvater wüssten. Wer war das, wie war er, kannte man ihn im Ort? Fragen, die für mich ohne Antwort blieben. Ich habe mich um einen Menschen bemüht, über den ich gar nicht wirklich etwas weiß. Ich kenne gerade Mal ein klein wenig von seiner Lebensgeschichte, und das ist dazu noch der allerschlimmste Teil seines Lebens. Für manche unbegreiflich, und ehrlich gesagt verstehe ich es auch nicht richtig. An unserem Denkmal „Die Verzweiflung“ haben wir Blumen niedergelegt. Beim Aufziehen der Belgischen Trikolore erklang unsere Nationalhymne als Symphonie. Ich glaube, dass es für alle eines der am meisten bewegenden Augenblicke war. Die sanften Klänge, das langsame Entfalten und Wehen der Fahne, das Wissen darum, wo wir uns befanden, das Erinnern an unsere geliebten Verwandten. Es traf mich tief. Ich habe meinen Urgroßvater nie kennengelernt, aber in diesem Augenblick vermisste ich ihn sehr. Ich kann mir jetzt auch gut vorstellen, wie stark das schmerzliche Gefühl von Verlust für die gewesen sein muss, die ihren Mann, Vater oder Bruder verloren haben. Wie schon am Bullenhuser Damm erhielten wir auch in Neuengamme eine vorbildliche Führung durch Andreas. Ich möchte ihn kurz loben. Er vermittelte uns auch diesmal wieder eine eindrucksvolle Beschreibung der Stätten und hielt sich doch auf recht achtsame Weise bei den bewegenden Gefühlsmomenten für die Gruppe zurück. Das verdient großes Lob! Wir erhielten in den ehemaligen Walther-Werken viel und gut zu Essen, ganz im Gegensatz zu dem, was die KZ-Häftlinge früher immer erhielten. Die Stadt Hamburg hat wirklich den Euro nicht umgedreht, wofür auch ein Wort des Dankes fällig ist. Am Ende hielten wir Totenwache an den Grundmauern des früheren Krematoriums. Dort sind viele unserer Verwandten zur Asche verbrannt. Natürlich wurden auch hier mit der Nationalhymne und dem Senken der Fahnen die nötige Ehre und Respekt bezeugt An unserem vierten und letzten Tag ging es an die Rückfahrt. Nicht ohne an den Orten anzuhalten, an denen Menschen aus Meensel-Kiezegem umkamen. Am Schützenhof erwarteten uns Ray Gaebelein, unser kleiner Freund mit großem Herzen, und die Bremer VVN-BdA. Da waren auch Schüler Bremischer Schulen, was ich ganz wichtig finde. Wozu sind Erinnerungen gut, wenn daran auch Menschen teilnehmen, die die Geschichte kennen? Wenn wir die Jugendlichen nicht an das Gedenken heranführen, lernen sie auch nichts über die Vergangenheit. Erinnerungen sind wichtig für Nahestehende, aber auch Außenstehende sollen betroffen sein. Nach der Veranstaltung, bei der ich über eine Stunde lang in Haltung stand und dabei die Fahne trug, folgten die meisten von uns zu Fuß dem selben Weg, den die KZ-Häftlinge tagtäglich zur Weser zurücklegen mussten. Ein paar von uns sprachen mit den Schülern. Das muss sowohl für die Älteren als auch die Jüngeren eine einzigartige und interessante Erfahrung gewesen sein. Wir bekamen ein leckeres Mittagessen in der Schulkantine. Einige Schüler nehmen es auf sich uns zu bedienen, was ich sehr zu schätzen wusste. Nach dem Essen fuhren wir nach Blumenthal, wo ein letztes kurzes Gedenken stattfand. Ein plötzliches Nasenbluten hinderte mich nicht daran, in dieser letzten Gedenkminute die Fahne mit dem nötigen Respekt zu neigen, beim Niederlegen des Blumengebindes und den Klängen der Europahymne zu grüßen. Nach diesem letzten Gedenken führen wir nachhause zurück. Wir kamen dank der Fahrtkünste unseres Chauffeurs Paul sicher und wohlbehalten zuhause an. Mit ein paar Tagen Abstand habe ich beim Schreiben dieses Artikels für mich alles verarbeiten können. Es waren auch vier eindrucksvolle Tage. Ich bin froh, dass ich diese Fahrt noch einmal mitmachen konnte. Ich bin auch etwas stolz darauf, dass ich beim Gedenken meine Ausgehuniform und die Fahne tragen konnte. Ich habe dadurch alles viel intensiver erlebt. Mir ist klar, dass Manchem Uniform und militärisches Gehabe überholt erscheinen, für mich haben sie Symbolcharakter. Ich trage die Uniform einer Einrichtung, deren Werte ich achte. „Aufpassen, helfen, dienen“ war das Motto der Belgischen Polizei. Zugegeben, Manche haben diese Werte in ihrer Laufbahn nicht ehrenhaft genutzt. Ich halte diese Werte und Normen für mich selbst hoch und will sie in Ehren halten. Ich möchte mich bei der Stiftung MK ’44 bedanken wegen ihrer perfekten Organisation. Wir kamen nie zu kurz, und es hat mir trotz der gefühlsbewegenden Form der Fahrt doch Spaß gemacht. Ich habe dann doch noch mal nachgedacht. Ich hoffe als erstes, dass die Gedenkfahrten weiter alle fünf Jahre stattfinden. In fünf Jahren wird uns wieder eine große Zahl Überlebender der Lager fehlen. Bitte lasst es nicht Grund dafür sein mit großen Gedenkveranstaltungen aufzuhören. Wir haben eine wichtige Aufgabe. Die Gefahr heute liegt nach wie vor im Vergessen und Leugnen des Sterbens!

zum 65. Jahrestag der Befreiung des KZ Neuengamme und seiner Außenlager

4. Mai 2010

05.05.2010

Gedenkveranstaltung

zum 65. Jahrestag der Befreiung des KZ Neuengamme und seiner Außenlager

Verlesung eines Grußworts von Bürgermeister Jens Böhrnsen sprechen: Frau Dr. Karin Mathes, Vizepräsidentin der Bremischen Bürgerschaft und René Thirion (Überlebender des Lagers, des Todesmarschs und der Bombardierung der Schiffe)

Mittwoch, 05. Mai 2010, 10:00 Uhr

Schützenhof (Brombergerstraße 117 in Gröpelingen)

Moderation: Raimund Gaebelein (VVN-BdA Bremen) Musikal. Unterstützung: Insa Popken

Der heute 87jährige René Thirion war im September 1943 Zwangsarbeiter im stark bombardierten Essen. Er nutzte seinen Urlaub zum Untertauchen beim Widerstand. Nach der Landung der Alliierten wurde er am 16.6.44 durch Verrat verhaftet und ins KZ Neuengamme verschleppt. Am 6.9.44 kam er nach Blumenthal, am 15.1.45 ins Lager Schützenhof. In einem Interview für Katinka Schröders Film „Die leeren Gräber von Meensel-Kiezegem“ beschreibt er seinen Leidensweg und die Reaktion der Bremer Bevölkerung. Auf dem Weg zum Lager wurden die KZ-Häftlinge beschimpft und geschlagen. Die Toten wurden in den Waschraum gelegt. Die Essensrationen wurden immer kleiner, ein kanten Brot mit etwas Marmelade, gelegentlich etwas Leberwurst. 25 Knüppelhiebe aufs nackte Gesäß waren als Lagerstrafe für geringste Vergehen der Regelfall. Auf der A.G. Weser sollten sie U-Boot-Teile fertigen, während der Bombardierungen in den letzten Tagen vor dem Todesmarsch den Lagerzaun reparieren. Über Blumenthal, Farge, Hagen, Horst und Barkel wurden die KZ-Häftlinge am 7.4.45 nach Bremervörde getrieben, von dort mit einem Zug nach Winsen/Luhe gebracht. Am 15.4.45 kamen sie in Neuengamme an. Mit Tausenden weiterer Häftlinge ging es weiter zur Lübecker Bucht. Auf hoher See wurden René Thirion und Jean-Marie Vanden Eynde mit 2000 weiterer KZ-Häftlinge in der Nacht zum 3.5.45 von der Arcona auf die Athen umgeladen. Die sollte in Neustadt/Holstein weitere KZ-Häftlinge anderer Todesmärsche aufnehmen. So entgingen sie nur ganz knapp der Bombardierung der Schiffe. Bei seiner Befreiung wog der 1,89 m gro0e René Thirion 37 kg.

Mittwoch, 05. Mai 2010, 10:00 Uhr Schützenhof (Brombergerstraße 117 in Gröpelingen) Moderation: Raimund Gaebelein (VVN-BdA Bremen) Musikal. Unterstützung: Insa Popken Der heute 87jährige René Thirion war im September 1943 Zwangsarbeiter im stark bombardierten Essen. Er nutzte seinen Urlaub zum Untertauchen beim Widerstand. Nach der Landung der Alliierten wurde er am 16.6.44 durch Verrat verhaftet und ins KZ Neuengamme verschleppt. Am 6.9.44 kam er nach Blumenthal, am 15.1.45 ins Lager Schützenhof. In einem Interview für Katinka Schröders Film „Die leeren Gräber von Meensel-Kiezegem“ beschreibt er seinen Leidensweg und die Reaktion der Bremer Bevölkerung. Auf dem Weg zum Lager wurden die KZ-Häftlinge beschimpft und geschlagen. Die Toten wurden in den Waschraum gelegt. Die Essensrationen wurden immer kleiner, ein kanten Brot mit etwas Marmelade, gelegentlich etwas Leberwurst. 25 Knüppelhiebe aufs nackte Gesäß waren als Lagerstrafe für geringste Vergehen der Regelfall. Auf der A.G. Weser sollten sie U-Boot-Teile fertigen, während der Bombardierungen in den letzten Tagen vor dem Todesmarsch den Lagerzaun reparieren. Über Blumenthal, Farge, Hagen, Horst und Barkel wurden die KZ-Häftlinge am 7.4.45 nach Bremervörde getrieben, von dort mit einem Zug nach Winsen/Luhe gebracht. Am 15.4.45 kamen sie in Neuengamme an. Mit Tausenden weiterer Häftlinge ging es weiter zur Lübecker Bucht. Auf hoher See wurden René Thirion und Jean-Marie Vanden Eynde mit 2000 weiterer KZ-Häftlinge in der Nacht zum 3.5.45 von der Arcona auf die Athen umgeladen. Die sollte in Neustadt/Holstein weitere KZ-Häftlinge anderer Todesmärsche aufnehmen. So entgingen sie nur ganz knapp der Bombardierung der Schiffe. Bei seiner Befreiung wog der 1,89 m gro0e René Thirion 37 kg.

Ansprache zum 65. Jahrestag der Befreiung Neuengammes und seiner Außenlager

geschrieben von Frau Chris Desaever-Cleuren, Bürgermeisterin der belgischen Samtgemeide Tielt-Winge

4. Mai 2010

Heute stehen wir hier zusammen am Fuß eines Erinnerungszeichens zum Gedenken an die Ereignisse in Meensel-Kiezegem (die beiden SS-Razzien im August 1944).

Heute stehen wir hier zusammen am Fuß eines Erinnerungszeichens zum Gedenken an die Ereignisse in Meensel-Kiezegem (die beiden SS-Razzien im August 1944). Unsere ersten Gedanken gelten zunächst unseren Opfern Emiel Reynders, Guillaume Vanhellemont, Oktaaf Janssens, Eduard Vangoidsenhoven, Richard Hendrickx und René Janssens, die von dem Geschehen ereilt wurden und dabei ihr Leben ließen. Standrechtlich ermordet oder verschleppt und dann körperlich und seelisch gefoltert. Unser Besuch der Todeslager hält uns unmittelbar vor Augen, welche Grausamkeit hier herrschte. Völlige körperliche Erschöpfung infolge von Mangelernährung, knallharter Zwangsarbeit und Folterung mussten zweifellos zum Tode führen. In gleichem Maße werden der lang anhaltende seelische Druck, die beständige Erniedrigung, das System von Unmenschlichkeit zum kaum zu ertragenden Elend geführt haben, das unsere Mitbürger erlitten haben. Nur wenige haben diesen Kreuzweg überlebt, sie alleine wissen und können bezeugen, was dort geschehen ist. Ohne jeden Zweifel haben sich diese Ereignisse fest in ihrer Seele eingeprägt. Nie wieder konnten sie ihr Leben auf dieselbe Weise weiterführen. Unsere Gedanken gelten auch denen, die nach diesen Ereignissen (den beiden SS-Razzien) einen oder gar mehrere Familienangehörige verloren haben. Sie blieben fassungslos zurück, ohne zu ahnen, was ihnen und ihren Lieben bevorstehen sollte. Das angstvolle Warten auf Nachrichten, die vielen Fragen, der Aufschrei nach dem Warum haben zweifellos ihr tägliches Leben wie ein Fluch bestimmt. Die Worte, die mir in den Sinn kommen, vermögen dieses Leid nicht annähernd beschreiben. In aller Güte dieser Ereignisse zu gedenken ist eine würdige Form der Ehrung aller Opfer dieser Übeltaten. Bei aller Erinnerungspflege muss diese Gedenkveranstaltung uns auch zur Besinnung und Analyse leiten. Vor allem, um solche Entgleisungen für die Zukunft auszuschließen. Das bringt uns zu der Frage „Wie konnte es soweit kommen?“ Denn in dem angesprochenen Zeitabschnitt des vergangenen Jahrhunderts ist Meensel-Kiezegem nicht das einzige Dorf, das vom Naziregime getroffen wurde. Auch in den Niederlanden, in Frankreich, Italien und unterschiedlichen osteuropäischen Staaten wurden solche Mordaktionen organisiert. Dazu kommt außerdem noch, was Juden, Sinti und Roma, Behinderten und anderen sogenannten Untermenschen zugefügt wurde. Damit möchte ich den Finger auf die Wunde legen, dass besonders das faschistische Gedankengut die institutionalisierte Gewalt in ihrem Schoß birgt. Früher oder später führt das zu solchen Entgleisungen wie sie auch in Meensel-Kiezegem sich zeigten. Die Geschichte lehrt uns, dass quasi alle totalitären Regime ohnehin in gleichem Maße krank sind. Zweifellos ist diese Feststellung die Ursache dafür, dass die Entschuldigung „wir haben es nicht gewusst“ nicht mehr greift. Auf der anderen Seite gibt es uns allen den Auftrag, der in den allgemeinen Menschenrechten festgelegt ist. Wir haben die Aufgabe, unsere Gesellschaft so zu organisieren, dass Ereignisse dieser Art nie wieder geschehen. Nicht nur die Pflege unseres demokratischen Gedankenguts ist wichtig, in gleichem Maße gilt es dafür zu sorgen, dass es im Sinne der Allgemeinen Menschenrechte auch wächst. Wir dürfen nicht davon ablassen, es beständig weiterzugeben, den kommenden Generationen das Erschrecken mit auf den Weg zu geben, darüber, was damals geschehen ist, und ihr den Weg für ein friedliches Zusammenleben zu zeigen. In friedlichen Zeiten ist die Erinnerung der Menschen immer nur von kurzer Dauer, und sie scheinen keine Lehren aus der Geschichte zu ziehen, die uns doch zu einem dauerhaften Frieden bringen könnten. Auf diese Weise müssen wir uns dafür einsetzen, unsere Mitmenschen zu dem zu erziehen, was ich „Kritische Bürger“ nennen möchte. Menschen, die imstande sind einzuschätzen, welche Grundregeln es für ein menschenwürdiges Zusammenleben gibt, und die sich auch unermüdlich dafür einsetzen. Nur so und mit unablässiger Aufmerksamkeit für einander schaffen wir es, eine Gesellschaft zu bauen, in der für jeden Einzelnen eine menschenwürdige Existenz gesichert ist.

Ich danke Ihnen

Ansprache

geschrieben von René Thirion, ehemaliger Häftling des Lagers - Nr. B - 45508

4. Mai 2010

es bewegt mich sehr, heute vor Ihnen im Namen aller Toten und ehemaligen Häftlinge dieses Lagers Schützenhof zu sprechen.

Sehr geehrte Damen und Herren, Liebe Freundinnen und Freunde, Widerstandskämpfer und Häftlinge der Konzentrationslager,

es bewegt mich sehr, heute vor Ihnen im Namen aller Toten und ehemaligen Häftlinge dieses Lagers Schützenhof zu sprechen. Schützenhof war ein Unterlager von Blumenthal, das selbst Außenlager von Neuengamme war, dem einzigen großen Konzentrationslager Norddeutschlands, 23 km südöstlich von Hamburg. Dieses Stammlager umfasste ein Gebiet von 340 km von der dänischen Grenze im Norden bis Hildesheim im Süden und 300 km von der holländischen Grenze im Westen bis Schwerin im Osten. Es umfasste mehr als 80 Außenlager, auf die die Häftlinge verteilt waren. ES wurde im Dezember 1938 für Häftlinge aus Sachsenhausen errichtet und im Juni 1940 eigenständiges Lager. 106.000 Häftlinge, darunter 13.500 Juden, waren dort gefangen. Wenigstens 55.000 sind dort ums Leben gekommen. Das Unterkommando Schützenhof entstand Ende 1944/Anfang 1945 und wurde im April 1945 geräumt. Unter den 600 Häftlingen dieses Lagers gab es 71 Belgier. 13 von ihnen haben überlebt. Ich bin der letzte noch Lebende. Wegen einer bewaffneten Widerstandstat gegen die Besatzungsmacht unseres Landes wurde ich am 16. Juni 1944 in der Gegend von Huy festgenommen und in Lüttich inhaftiert. Am 31.08.44 wurde ich nach Neuengamme in Deutschland verschleppt, wo ich am 02.09.44 ankam. Am 6.9.44 erreichte ich Blumenthal. Am 15.01.45 wurde ich in den Schützenhof verlegt. Dieses Lager bestand aus 4 Baracken und dem Krankenrevier sowie mehreren Gebäuden, in denen sich die Küche, die Wäscherei und die Toiletten befanden. Alle diese Gebäude umgaben den Appellplatz. Ich wurde als Schweißer zur A.G.Weser geschickt. Unser Tagesablauf war sehr genau geregelt: – 5.30 Uhr: Aufstehen – Toilette – Bettenbau, Baracke fegen. Wir erhielten nur eine Schale mit schwarzer Brühe, die Kaffee genannt wurde! – 7.00 Uhr: Appell auf dem Lagerplatz – 7.45 Uhr: Abmarsch zu Fuß in 5er-Reihen in Begleitung der Kapos und Vorarbeiter unter Bewachung durch Marinesoldaten und SS. – 8.00 Uhr: Betretten des Werks. Die Arbeit wurde von zivilen deutschen Vorarbeitern eingeteilt. – 12.00 Uhr: Wir erhielten 1 Liter Suppe, die nur aus Wasser mit ein paar Kohlrabi und Steckrüben bestand. – 18.30 Uhr: Rückmarsch ins Lager – 19.00 Uhr: Zählappell auf dem Lagerplatz, der sehr lange dauern konnte. Wenn die Zählung stimmte, wurde das Essen ausgeteilt. Es gab ein Stück Brot, etwas Margarine und manchmal eine Scheibe Wurst. So verliefen sechs Tage in der Woche. Der Sonntag wurde als „Ruhetag“ bezeichnet, aber unsere Wachen fanden immer etwas für uns im Lager zu tun. Wir wurden nie in Ruhe gelassen. Wenn mittags die Suppe verteilt wurde, kämpften die Häftlinge um die vordersten Plätze in der Schlange vor den Kübeln. Die Kapos schlugen mit der Faust zu, manchmal ins Gesicht, oder verteilten Fußtritte, um Ordnung zu schaffen. Wir waren der Willkür der Kapos und vor allem der SS ausgeliefert. Der Lagerschreiber war Belgier, tat aber nichts, um seinen Landsleuten zu helfen. Ganz im Gegenteil, er hatte eine Gruppe Jugendlicher um sich, die im Lager als „Wachhunde“ auftraten. Einmal bin ich nicht mit meinem Kommando ins Werk arbeiten gegangen. Ich habe mich im Lager versteckt, wurde aber von einem dieser „Wachhunde“ aufgespürt. Ich habe die übliche Strafe erhalten: 25 Knüppelhiebe auf das Hinterteil. Als ich ohnmächtig wurde, hat man mir einen Eimer kaltes Wasser ins Gesicht geschüttet, um mich wieder zu Bewusstsein zu bringen… In diesem Kommando gab es keinen Verbrennungsofen. Die Toten wurden entkleidet und vor dem Waschhaus nackt aufeinandergelegt. Eine Tür verdeckte sie, aber man konnte ihre armen, abgemagerten Körper noch sehen. Ich weiß nicht, was anschließend mit ihnen geschah. Beim Suchdienst zu den Kriegsverbrechen in Bremen gibt es die Zeugenaussage eines Bewohners der umliegenden Häuser vom 9.11.45 über sämtliche Misshandlungen, denen wir ausgesetzt waren. Als sich die alliierten Truppen näherten, wurden am 6. April 1945 die im Revier befindlichen Kranken mit dem Lastwagen zum Bahnhof gebracht und in einen Zug verladen. Am 7. April wurden die anderen, noch für gesund gehaltenen Häftlinge in 5er-Reihen zu Fuß evakuiert. Wir kamen zurück ins Lager Blumenthal. Am folgenden Tag wurde das ganze Lager geräumt: die Kranken mit der Bahn, die anderen zu Fuß in Gruppen zu 100 Häftlingen in Richtung Neuengamme. Sie gingen durch Schwanewede und machten nachts in Hagen, Kirchwistedt und Barchel halt. In Bremervörde wurden wir in einen Zug verladen und fuhren bis Winsen/Luhe. . Schließlich ging es zu Fuß weiter bis Neuengamme, wo wir am 15. April ankamen. Am 18. April wurden wir in Richtung Lübeck evakuiert und auf die Schiffe Cap Arcona und Athen verladen. Wir haben die Bombardierung der Schiffe am 3. Mai 1945 überlebt und am selben Tage durch die Briten befreit. Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit

Grußwort

geschrieben von Jens Böhrnsen

4. Mai 2010

Wir denken heute daran, dass vor 65 Jahren Deutschland durch die Alliierten von Faschismus und Krieg befreit wurde

Sehr geehrte Damen und Herren, Wir denken heute daran, dass vor 65 Jahren Deutschland durch die Alliierten von Faschismus und Krieg befreit wurde. Noch immer ist es menschlich unfassbar, was damals, während der Herrschaft der Nationalsozialisten, geschah, was Menschen durch Menschen angetan wurde. Der Völkermord an den Juden und den Sinti und Roma, der Mord an Polen und Russen, an Homosexuellen, an Kriegsgefangenen, an Behinderten, an Antifaschisten, an Humanisten und Christen, die sich den Akteuren des Terrors in den Weg stellten – all das ist und bleibt unfassbar und in der Geschichte der Menschheit einzigartig.

Mit der Befreiung im Jahre 1945, mit dem Ende des barbarischen Krieges und der nationalsozialistischen Herrschaft war der Schrecken für viele Menschen nicht vorbei. Die körperlichen und seelischen Wunden, die der nationalsozialistische Terror bei den Überlebenden gerissen hat, können wohl nie ganz verheilen. Überlebende sprechen immer wieder davon, wie schwer die Last der Erinnerung zu tragen ist – viele fühlen sich ein Leben lang wie aus der Welt gefallen.

Gedenkfeiern wie diese am heutigen Tag können die Wunden wieder aufreißen. Umso dankbarer bin ich, dass heute auch ehemalige belgische KZ-Häftlinge und ihre Angehörigen zu dieser Gedenkfeier am ehemaligen Neuengamme-Außenlager angereist sind. Es fällt Ihnen gewiss nicht leicht, hier zu sein. Aber Sie zeigen mit Ihrer Anwesenheit, dass es Ihnen wichtig, ein inneres Anliegen ist, die Erinnerung wach zu halten. Uns allen ist wichtig und muss auch in Zukunft wichtig bleiben, dass wir uns der Erinnerung stellen, sie nicht beiseite schieben, weil sie eine schwere Last ist, weil sie quält, uns fassungslos und sprachlos macht, weil sie uns unerbittlich vor Augen führt, wozu Menschen fähig sind.

Wer sich erinnert, lässt nicht nur das Schmerzhafte und Unfassbare zu, er stellt sich auch der Verantwortung. Das Erinnern schärft unser moralisches Empfinden und unsere demokratische Wachsamkeit. Das sind wir den Opfern schuldig, das sind wir der Zukunft schuldig.

Es fällt schwer, sich diesem schrecklichen Kapitel unserer Geschichte zu stellen. Aber es gibt dazu keine Alternative. Wer sich mit der Geschichte des Nationalsozialismus befasst, wird damit konfrontiert, wohin Vorurteile und Verblendung, wohin Rassenwahn und Hass führen können. Und er lernt auch, die Anfänge zu erkennen, jene Anfänge, denen es zu wehren gilt.

Erinnern bedeutet auch, zu handeln, wo Menschen ihrer Menschenrechte beraubt werden, wo Minderheiten benachteiligt und unterdrückt werden, wo andere Menschen ausgegrenzt und entwürdigt werden.

Eröffungsansprache

geschrieben von Raimund Gaebelein

4. Mai 2010

„Für eine neue Welt des Friedens und der Freiheit“ stritten vor 65 Jahren 3.500 Bremerinnen und Bremer in der „Kampfgemeinschaft gegen den Faschismus“.

Verehrte Anwesende. liebe Frau Dr. Mathes, cher René Thirion, beste burgemester Desaever-Cleuren, chers amis de l’Amicale Belge de Neuengamme, beste vrienden van het Stichting Meensel-Kiezegem 44, liebe Schülerinnen und Schüler unserer Gesamtschulen West und Mitte,

„Für eine neue Welt des Friedens und der Freiheit“ stritten vor 65 Jahren 3.500 Bremerinnen und Bremer in der „Kampfgemeinschaft gegen den Faschismus“. Neun Tage zuvor war Bremen von der Herrschaft des Faschismus befreit worden. 965 Bremerinnen und Bremer waren aus politischen, religiösen oder rassischen Gründen umgebracht worden. Die Brücken waren zerstört, Produktion und Versorgung der Bevölkerung lagen danieder. In der ersten Ausgabe ihres Publikationsorgans „der Aufbau“ schrieben sie über die Zeit des Faschismus und die unmittelbar vor ihnen liegenden Aufgaben:

„In Nacht und Grauen war Deutschland verstrickt, wie ein lastender Alp lag die Hitlerherrschaft auf allen, die noch menschlich fühlten, die noch freiheitlich empfinden, die noch selbständig denken konnten… Ungeheuer ist die Zahl der Opfer, die dieses fluchbeladene System gefordert hat. Nirgends war ein Menschenleben so wenig wert wie im Reich Hitlers. Die Besten und Aufrechtesten fielen durch Henkershand, wurden in Zuchthäusern und Konzentrationslagern zu Tode gequält… Der deutsche Name wurde mit Fluch und Schande beladen durch die grauenhaften, unmenschlichen Taten, die das Hitlertum in der ganzen Welt verübte und verüben ließ… Mit Wehmut und Trauer gedenken wir der Toten! Ihr Sterben soll uns Gelöbnis sein, eine Welt zu bauen, die eine Wiederkehr dieses Wahnsinns unmöglich macht, in der für preußischen Militarismus und nationalsozialistische Weltherrschaftspläne und Überheblichkeit kein Raum mehr ist.“

Der Aufbau einer neuen Welt sollte kein Wiederaufbau sein. Den Männern und Frauen der „Kampfgemeinschaft gegen den Faschismus“ stand vor Augen, dass es Faschisten und ihren Hintermännern nie wieder möglich sein sollte noch einmal die Welt mit Krieg und Vernichtung zu überziehen. Mit Beginn des „Kalten Kriegs“ wurden die Weichen in unserem Lande anders gestellt. Kriegsverbrecher wurden schrittweise begnadigt und zu Mitläufern umgestuft, Konzernherrn und Banker zum Aufbau der Wirtschaft entlastet, Lehrer, Richter, Ärzte und Verwaltungsbeamte konnten schrittweise wieder in ihre alte Stellung zurückkehren. Dafür wurden die Männer und Frauen der ersten Stunde von ihnen erneut unter Beobachtung gestellt, oftmals kriminalisiert und aus den Ämtern vertrieben.

Wie sieht es heute, 65 Jahre danach aus? Die Hakenkreuzschmierereien am Ostermontag in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme, die Bombenbasteleien eines NPD-Kreisverbands an der Schweizer Grenze, die Beschmierungen jüdischer Friedhöfe sind Anzeichen, dass es Kräfte in unserem Lande gibt, denen daran liegt, dass der 8. Mai in den Köpfen unserer Bevölkerung nicht als Tag der Befreiung empfunden wird. Wann wird die Keimzelle der Wiedererweckung faschistischen Denkens endlich das Handwerk gelegt? Ein Verbot der faschistischen NPD ist unbedingt erforderlich. In hohem Maße trägt auch unsere Bundesregierung dazu bei, dass ein neues militaristisches Weltbild am Wachsen ist. Mit dem Einsatz deutscher Soldaten am Hindukusch wird der Auftrag in unserer Verfassung verdreht, dass nie wieder ein Angriffskrieg von deutschem Boden ausgehen darf. Nach acht Jahren Krieg zeigt sich, dass die sogenannte Hilfsmission sich in den Augen der Bevölkerung als schnöde Besatzungspolitik erweist. Keines der Ziele ist erreicht worden, mit denen die damalige Bundesregierung ihre Eroberungsmission für freien Zugang zu Rohstoffquellen und Transportwegen antrat. Erneut und schmerzlich erleben wir, dass deutsche Soldaten tot aus einer Kriegsmission im Ausland zurückkehren. Diese unselige Mission ist zu beenden, ein sofortiger Abzug zu erklären, ohne erst noch zusätzliche Kräfte hineinzuschicken. Ich danke.

Ansprache zur Gedenkveranstaltung

geschrieben von Dr. Karin Mathes Vizepräsidentin der Bremischen Bürgerschaft

4. Mai 2010

„Es gibt 300 Tote jeden Tag. Überall Stapel von Leichen, manchmal sorgfältig aufgereiht. Von Zeit zu Zeit bewegt sich eine Hand, öffnet sich ein blickloses Auge.“

Sehr geehrter Herr Thirion, verehrte Anwesende,

ich möchte mit einem Zitat beginnen: „Es gibt 300 Tote jeden Tag. Überall Stapel von Leichen, manchmal sorgfältig aufgereiht. Von Zeit zu Zeit bewegt sich eine Hand, öffnet sich ein blickloses Auge.“ Dieses Zitat, meine Damen und Herren, stammt von Dr. Pierre Fertil. Der 86-jährige Franzose beschreibt damit das erduldete und gesehene Leid im Lager Sandbostel bei Bremervörde, das zum KZ Neuengamme gehörte. In dieses Lager wurde auch unser heutiger Gast, Herr René Thirion, getrieben. Und zwar am 7. April 1945, nachdem er zuvor fast drei Monate im Lager Schützenhof zur Zwangsarbeit verpflichtet worden war. Verfolgung, Demütigung und Entmenschlichung bestimmten seinen Alltag und den Tausender anderer bis vor 65 Jahren, als das KZ Hamburg-Neuengamme und seine Außenlager unter anderem in Bremen endlich befreit wurden. Seien Sie herzlich willkommen, verehrter Herr Thirion. Dass Sie als Opfer an den Ort Ihrer Peiniger zurückkehren und zu uns sprechen werden, empfinden wir als große Geste. Dafür sind wir Ihnen zutiefst dankbar. Die Zeit wird kommen, da die Stimmen der letzten Zeitzeugen verstummen müssen. Umso wichtiger ist es, Gedenk- und Aufklärungsstätten zu den deutschen Menschheitsverbrechen wie die in Neuengamme oder Bergen-Belsen im Bewusstsein auch der nachfolgenden Generationen zu verankern – als Mahnung und als Hoffnung: Wir dürfen nicht nachlassen, uns unserer Geschichte zu stellen und sich mit ihr auseinanderzusetzen. Nur daraus lernen wir, es besser als unsere Väter und Großväter, es besser als unsere Mütter und Großmütter e zu machen. Eine Herausforderung besteht darin, solche Mitbürgerinnen und Mitbürger in die Gedenkkultur einzubeziehen, denen die deutsche Geschichte eher fremd ist oder denen der Bezug zur Zeit des Nationalsozialismus fehlt.

Meine Damen und Herren, das Konzentrationslager Hamburg-Neuengamme funktionierte wie eine Krake im Terrorsystem der Nazis. Mehr als 80 Außenlager in vielen Teilen Norddeutschlands wurden der Bestie angegliedert. Was sie verband, war die Zwangs- Folter- und Mordmaschinerie. Mehr als 100.000 Menschen aus über 20 Ländern wurden zwischen 1938 und 1945 von diesem Monstrum gefangen gehalten. Fast die Hälfte davon überlebte den Horror nicht. Nur, es war kein Tier, das Schrecken, Schmerz und Tod verbreitete. Es handelte sich vielmehr um Männer und Frauen, von denen die meisten nach vollbrachter Tat seelenruhig zum gemütlichen Feierabend in die Familie heimkehrten. Das erste Bremer Außenlager von Neuengamme entstand 1943 in Farge, wo Häftlinge zum Bau des U-Boot-Bunkers „Valentin“ eingesetzt wurden. Insgesamt zählte man zehn Orte der Zwangsarbeit in Bremen und der näherer Umgebung. Das schwere Schuften setzte die Insassen ebenso zu wie die völlig unzureichende Ernährung. Der Schützenhof hier galt vor dem Krieg als Treffpunkt der Schützengilde, während des Krieges war er zunächst Sammelstelle von Bremer Sinti und Roma vor ihrer Deportation und von 1942/43 an Arbeitslager, in dem Aufträge vor allem des Krupp-Konzerns erledigt werden mussten. Das Lager in Gröpelingen wies eine überdurchschnittlich hohe Sterberate unter den Häftlingen aus. Hunger wurde zum Dauerzustand – wie auch die regelmäßigen Misshandlungen durch die SS. Im Frühjahr 1945, die alliierten Truppen nicht mehr fern von den deutschen Konzentrationslagern, ließen SS-Schergen die Lager räumen. Die Zeugen der Gräuel wollte man so oder so „eliminieren“. Es begannen die berüchtigten „Todesmärsche“. Tausende Häftlinge wurden in andere Lager getrieben – zu Fuß oder per Zug. René Thirion gelangte auf Umwege an die Lübecker Bucht und schließlich auf hohe See. Gott sei Dank hat er überlebt.

Meine Damen und Herren, wir sind heute dankbar, dass vor 65 Jahren die Todeslager in Bremen und anderswo von den Alliierten befreit wurden. Gleichzeitig erinnern wir uns an die Geschichte vor der Befreiung, die uns beschämt, die uns unverändert fassungslos macht. Insbesondere aber nimmt sie uns in Verantwortung und verpflichtet uns auf Menschlichkeit und Respekt, Redlichkeit und Toleranz. Und zwar Toleranz im Alltag, nicht in Sonntagsreden. Toleranz gegenüber Fremden und gegenüber Anderssein. Den Menschen, deren Leben die Nationalsozialisten häufig auf bestialische Weise auslöschten insbesondere unter unseren jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern, und den Menschen, die dem Terror in letzter Minute entkamen, sind wir es schuldig, braune Ideologien in Deutschland nie wieder aufkommen zu lassen. Doch die Realität sieht anders aus: Hakenkreuz-Schmierereien auf jüdischen Grabsteinen passieren immer wieder. Am Ostermontag wurde das Mahnmal in Neuengamme mit Nazi-Sprüchen und SS-Runen beschmiert. Das schockiert uns. Darüber hinaus fordert es uns heraus, der Aggression von Neonazis den Nährboden zu entziehen. Rechtsextremismus und Antisemitismus bilden eine Gefahr für Mensch und Demokratie. Sie greifen die Basis der Zivilgesellschaft an, in der Menschenrecht und Menschenwürde höchsten Schutz genießen. Bleiben wir also wachsam und wehrhaft.

Vielen Dank!

Paris – Boulevard St. Martin No. 11

26. April 2010

von Peter Gingold

27.04.2010

Ulrich Schneider und Silvia Gingold lesen:

Paris – Boulevard St. Martin No. 11

von Peter Gingold

Dr. Ulrich Schneider (Kassel), Generalsekretär der Fédération Internationale des Résistants (FIR) und Silvia Gingold lesen aus den Erinnerungen des Widerstandskämpfers Peter Gingold, Paris – Boulevard St. Martin No. 11. Ein jüdischer Antifaschist und Kommunist in der Résistance und der Bundesrepublik. Veranstalter sind Naturfreunde Bremen und VVN-BdA Bremen.

Dienstag, 27. April 2010, 19:30 Uhr

Ostkurvensaal des Weserstadions

Herausgegeben von Ulrich Schneider, 2009, Köln: PapyRossa Verlag, 188 Seiten, 14,90 Eur, ISBN 978-3-89438-407-4.

„Er konnte mit seinem rhetorischen Talent besonders junge Menschen ansprechen und begeistern“, vermerkt der Herausgeber Dr. Ulrich Schneider über Peter Gingold. Wer ihn kannte, der findet ihn in diesem Buch live wieder – ohne künstliche Schnörkel und sprachliche Raffinessen. Vielleicht lag darin die Begeisterung beim Zuhören. Schon wer Peter Gingold im Dialog erlebte, der sah bei ihm in Augen, „deren Blick man sucht und wieder sucht, von denen angesehen zu werden man als Erfrischung, als Belebung empfindet“, weil sie trotz seines hohen Alters jugendlichen Eifer und Flexibilität im Denken ausstrahlten. Der Funke sprang über, wenn er als Zeitzeuge des antifaschistischen Widerstands mit und vor Menschen sprach, die von ihm letztlich wissen wollten: „Was kann jeder einzelne tun?“ Peter Gingold lässt der Leserin und dem Leser die Chance, über den eigenen Lebensentwurf in Ruhe nachzudenken, will sie „gefühlsmäßig erreichen“ und ihnen „gleichzeitig Denkanstöße geben“, so wie er es bei einer Rundreise 2005 mit der IG BAU in Nordrhein-Westfalen tat, um sich etwa zweitausend Berufsschülern zu nähern. Doch bei allem Verständnis für Schwächen und Fehler der Handelnden und Zögerlichen „damals“ ist die Botschaft für die Jugendlichen der Gegenwart nicht nur unzweideutig, sondern auch provozierend, weil sie keinen Fluchtweg offenhält: „Sie hatten keine Erfahrung, was Faschismus bedeutet, wenn er einmal an der Macht ist. Aber heute haben wir alle diese Erfahrung, heute muss jeder wissen, was Faschismus bedeutet. Für alle zukünftigen Generationen gibt es keine Entschuldigung mehr, wenn sie den Faschismus nicht verhindern.“

Dienstag, 27. April 2010, 19:30 Uhr Ostkurvensaal des Weserstadions Herausgegeben von Ulrich Schneider, 2009, Köln: PapyRossa Verlag, 188 Seiten, 14,90 Eur, ISBN 978-3-89438-407-4. „Er konnte mit seinem rhetorischen Talent besonders junge Menschen ansprechen und begeistern“, vermerkt der Herausgeber Dr. Ulrich Schneider über Peter Gingold. Wer ihn kannte, der findet ihn in diesem Buch live wieder – ohne künstliche Schnörkel und sprachliche Raffinessen. Vielleicht lag darin die Begeisterung beim Zuhören. Schon wer Peter Gingold im Dialog erlebte, der sah bei ihm in Augen, „deren Blick man sucht und wieder sucht, von denen angesehen zu werden man als Erfrischung, als Belebung empfindet“, weil sie trotz seines hohen Alters jugendlichen Eifer und Flexibilität im Denken ausstrahlten. Der Funke sprang über, wenn er als Zeitzeuge des antifaschistischen Widerstands mit und vor Menschen sprach, die von ihm letztlich wissen wollten: „Was kann jeder einzelne tun?“ Peter Gingold lässt der Leserin und dem Leser die Chance, über den eigenen Lebensentwurf in Ruhe nachzudenken, will sie „gefühlsmäßig erreichen“ und ihnen „gleichzeitig Denkanstöße geben“, so wie er es bei einer Rundreise 2005 mit der IG BAU in Nordrhein-Westfalen tat, um sich etwa zweitausend Berufsschülern zu nähern. Doch bei allem Verständnis für Schwächen und Fehler der Handelnden und Zögerlichen „damals“ ist die Botschaft für die Jugendlichen der Gegenwart nicht nur unzweideutig, sondern auch provozierend, weil sie keinen Fluchtweg offenhält: „Sie hatten keine Erfahrung, was Faschismus bedeutet, wenn er einmal an der Macht ist. Aber heute haben wir alle diese Erfahrung, heute muss jeder wissen, was Faschismus bedeutet. Für alle zukünftigen Generationen gibt es keine Entschuldigung mehr, wenn sie den Faschismus nicht verhindern.“

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